Rassentrennung: Die Dämonen des Südens sind lange nicht tot

Rassentrennung : Die Dämonen des Südens sind lange nicht tot

Am 4. April jährt sich zum 50. Mal die Ermordung Martin Luther Kings. Was hat sein Beispiel gebracht?– Eine Reportage aus Alabama.

Terrence Roberts erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie Dr. Martin Luther King zu Onkel Martin gemacht haben, zu Ernest Greens Uncle Martin. Green wollte den Prediger unbedingt dabei haben bei der feierlichen Zeugnisübergabe seiner Schule, im Quigley-Stadium in Little Rock, zumal der Anlass ein historischer war. Als erster Schwarzer in der Geschichte Little Rocks, als erster Schwarzer überhaupt in einer größeren Stadt des amerikanischen Südens, hatte der Achtzehnjährige seinen Abschluss an der Central High School gemacht. An einer High School, an der bis dahin nur Weiße lernen durften.

Man schrieb das Jahr 1958, der Kongress in Washington rief die Weltraumbehörde Nasa ins Leben, der Süden aber stand noch immer im Zeichen der Rassentrennung. Greens Zeugnis also sollte gebührend gefeiert werden. Vier Jahre nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs, der im Fall Brown v. Board of Education entschied, dass getrennte Schulen für Weiße und Schwarze der Verfassung widersprechen, war es der nächste Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung. Nach den Regeln der Schule, erzählt Roberts, durften allerdings nur Verwandte erscheinen. „Da haben wir Dr. King eben zu Onkel Martin erklärt“, sagt er und freut sich über das zustimmende Gelächter im Saal.

East Cobb Middle School, eine Schule in Marietta, im wohlhabenden Speckgürtel um Atlanta. Roberts, ein drahtiger Mann mit blankpolierter Glatze, ist gekommen, um über die Ära der Segregation zu reden. Als Erstes lässt er historische Bilder über die Leinwand flimmern. Little Rock, Arkansas, im Herbst 1957. Roberts, damals 15, steht mit aufgekrempelten Hemdsärmeln zwischen behelmten Soldaten, die ihn fast alle um einen Kopf überragen. Sie sollen ihm eine Schneise durch eine wütende Menge weißer Südstaatler bahnen, in deren Augen Schwarze an der Central High School nichts verloren haben. „Rassen zu mischen ist Kommunismus“, steht auf einem Plakat. „Geht zurück nach Afrika!“, auf einem anderen. Neun schwarze Teenager, die „Little Rock Nine“, sehen sich mit mehreren Hundert zornigen Demonstranten konfrontiert. Eine der neun, Elizabeth Eckford, wird nicht nur beschimpft, sondern auch angespuckt. Seine Mutter, erinnert sich Roberts, habe den Fehler gemacht, jedes Mal zum Hörer zu greifen, wenn das Telefon klingelte. Einmal meldete sich ein Anrufer, um mitzuteilen, dass ihr Sohn schlimm verprügelt worden sei und in Lebensgefahr schwebe. „Sie eilte zur Schule, und da war ich, mir fehlte nichts. Jemand hatte sich einen makabren Spaß erlaubt.“ Roberts lebt inzwischen im kalifornischen Pasadena, wo er eine Unternehmensberatung betreibt. Er ist beneidenswert fit für seine 76 Jahre, und wenn er Revue passieren lässt, was damals in Little Rock geschah, verfällt er bisweilen in einen spöttischen Ton. „Wow, die Armee auf meiner Seite! Wer hätte das gedacht!“ Als aus dem Publikum die Frage kommt, welche Fortschritte das Land seither gemacht habe, zitiert er Malcolm X, den feurigen Prediger schwarzen Selbstbewusstseins, der Kings gewaltlosen Widerstand als zu brav empfand. „Du hast mir ein acht Zoll langes Messer in den Rücken gestoßen. Jetzt hast du es um zwei Zoll herausgezogen. Und das nennst du Fortschritt?“ 90 Prozent der Amerikaner, doziert Roberts, nunmehr sehr ernst, hätten sich für eine Art Monokulturalismus entschieden. Sie redeten sich ein, dass man sich unter seinesgleichen wohler fühle. Das spüre man auch an den Schulen, wo der Trend vielerorts in die falsche Richtung gehe, de facto zurück zur Rassentrennung.

Gardendale, eine wohlhabende Satellitenstadt am Rande von Birmingham, Alabama, deren Bevölkerung zu rund 90 Prozent aus Weißen besteht. An der High School, 2010 eingeweiht, hat sich eine heftige Kontroverse entzündet. Foto: Frank Herrmann

Gardendale, eine Kleinstadt in der Nähe von Birmingham, steht für solides Mittelschichtenmilieu. Gepflegte Parks, auffallend viele Kirchen, typisches Südstaatenambiente. Der Stolz der Stadt ist die neue High School, deren gewaltiges Säulenportal offenbar an einen griechischen Tempel erinnern soll. 2010 wurde die Schule eingeweiht, drei Jahre darauf tauchten Flugblätter in Gardendale auf. Sie zeigten ein blondes Mädchen, über deren Kopf eine scheinbar unschuldige Frage schwebte. „Welchen Weg wird Gardendale wählen?“ Die Frage sei, ob es Pleasant Grove, Center Point, Adamsville und Hueytown folge oder sich ein Beispiel an Homewood, Hoover, Vestavia Hills und Trussville nehme. So wenig ein Fremder mit den Ortsnamen anzufangen weiß, in den Südstaaten sind das chiffrierte Botschaften. In Pleasant Grove, Center Point, Adamsville und Hueytown ist der Anteil von Afroamerikanern an der Bevölkerung hoch, während in Homewood, Hoover, Vestavia Hills und Trussville überwiegend Weiße leben.

Verteilt wurden die Flugblätter von einer Bürgerinitiative, die in Gardendale wiederholen wollte, was andere vorgemacht hatten. Nach den Regeln Alabamas kann jede Gemeinde mit mehr als 5000 Einwohnern einen eigenen Schulbezirk gründen, und genau das haben Homewood, Hoover, Vestavia Hills und Trussville getan – mit dem Ziel, weiße Schüler wieder weitgehend von schwarzen zu trennen. Gardendales Bevölkerung besteht zu rund neun Zehnteln aus Weißen, die Schulen der Stadt werden zu etwa einem Viertel von Schwarzen besucht. Manche sprechen euphemistisch von den „Bus Kids“, weil letztere in gelben Schulbussen aus den umliegenden Siedlungen in die Stadt gefahren werden, während die Mütter und Väter von Gardendale ihre Kinder in aller Regel im eigenen Auto zum Unterricht bringen. Den Anteil der „Bus Kids“ drastisch zu senken, darum ging es. Was Dr. Patrick Martin freilich nie zugeben würde. Der Schulrat empfängt in einem nahezu leeren Büro, sichtlich überrascht, dass sich ein Reporter aus Übersee bei ihm blicken lässt.

Eine Straße in North Smithfield, einer mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Siedlung in der Nähe von Gardendale. Foto: Frank Herrmann

Man könnte vielleicht sagen, dass die Schulinitiative die Qualität des Unterrichts steigern wolle, druckst er herum. Irgendwann reicht er eine schriftliche Erklärung herüber – nur gestanzte Sätze. Martin ist ein Unikum, ein Schulrat ohne Schule. Die Stadtverwaltung von Gardendale setzte ihn ein, nachdem sie, ausnahmslos mit Weißen besetzt, für die Schaffung eines eigenen Schulbezirks gestimmt hatte. Womit sie nicht gerechnet hatte, waren Leute wie Ricky Reeves.

Reeves war lange beim Militär, im Vietnamkrieg bei der Air Force, später 24 Jahre bei der Nationalgarde Alabamas. Man merkt es an seiner Art, in kurzen, präzisen Sätzen zu sprechen, ohne ein überflüssiges Wort. „Jemand musste sagen, hier hört es auf“, erklärt er, warum er vor Gericht zog. Als auch noch Gardendale dem Beispiel von Pleasant Grove, Center Point, Adamsville und Hueytown folgte, hatte er das Gefühl, dass es endgültig wieder zurückgehen sollte in die 60er Jahre. In eine Ära, in der im Jefferson County noch die Rassentrennung herrschte, bevor mit Beginn der 70er der Wandel einsetzte.

Terrence Roberts, einer der „Little Rock Nine“, der ersten schwarzen Schüler, die 1957 in einer größeren Stadt des amerikanischen Südens eine bis dahin ausschließlich Weißen vorbehaltene Schule besuchten. Hier bei einem Vortrag in einer Schule in Marietta, Georgia. Foto: Frank Herrmann

Reeves erzählt von Alene, seiner Frau, die nicht auf die nächstgelegene Schule gehen durfte, nur zwei Häuserblöcke von ihrer Wohnung entfernt, und stattdessen drei Kilometer weit zu einer Schule für Schwarze laufen musste. In die weißen Bildungseinrichtungen sei das Gros der Steuergelder geflossen, die schwarzen habe man links liegen lassen. Die weißen hätten ihre Bücher direkt aus der Druckerei bekommen, während sich die schwarzen mit gebrauchten zufriedengeben mussten. Seine Enkelin Kymiyah wird demnächst auf die High School wechseln, ihr will Reeves den Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten ersparen. Was würde sie wohl sagen, wenn ausgerechnet 50 Jahre nach dem Mord an Martin Luther die Uhrzeiger zurückgedreht werden?

Ein Berufungsgericht in Atlanta, zuständig auch für den Bundesstaat Alabama, gab ihm recht. Der Vorstoß widerspreche dem Verbot der Rassendiskriminierung, urteilte es im Februar. Im März erklärte der Bürgermeister von Gardendale, man akzeptiere den Richterspruch und werde nicht vor den Supreme Court in Washington ziehen: Man sei des Verfahrens müde. Den Steuerzahlern habe es gereicht, ihr sauer verdientes Geld für teure Anwälte draufgehen zu sehen, übersetzt es Ricky Reeves.

In North Smithfield, wo der Ex-Soldat lebt, ist der schwarze Mittelstand zu Hause. Ihren Stolz auf das Erarbeitete demonstrieren die Bewohner offenbar gern durch steinerne Löwen, die an jeder zweiten Garagenauffahrt thronen. Es sind Leute wie Curtis Hammond, mit dem unsereiner ins Gespräch kommt, während er an einem Rasenmäher bastelt. Hammond war Ingenieur in einem Walzwerk, stolz erzählt er von technischen Neuerungen, die auf seine Ideen zurückgingen.

Wie es der Zufall will, stellt sich bald heraus, dass er einer der ersten Afroamerikaner war, die auf die High School von Gardendale gingen, vor nunmehr 48 Jahren. Von einer schwarzen Schule auf eine weiße zu wechseln, erinnert er sich, „das war, als hättest du unter einer Brücke geschlafen und würdest in eine Villa umziehen“.

Sein bester Freund in der Klasse sei ein Weißer gewesen, sagt Hammond, sie hätten bis heute Kontakt. Nur ändere das nichts an den alten Dämonen des Südens, schiebt er skeptisch hinterher. „Diese Ich-schaue-auf-dich-herab-Mentalität, sie ist noch lange nicht tot.“