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"Die Deutschen sind zufrieden wie nie"

"Die Deutschen sind zufrieden wie nie"

Die Beschäftigungslage in Deutschland ist so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch die Löhne haben 2015 zum Teil deutlich zugelegt. Wie zufrieden oder unzufrieden sind die Bundesbürger am Jahresende? Darüber sprach unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter mit Matthias Jung, Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen.


Herr Jung, wie steht es um die Stimmung im Land?
Matthias Jung: Auf der individuellen Ebene verzeichnen wir eine sehr große Zufriedenheit. Ähnlich hoch war dieses Niveau allerdings auch schon, als die Wirtschaft noch nicht so boomte. Insofern stellen wir aktuell nur noch marginale Verbesserungen in der Stimmungslage fest.
Kürzlich gab es aber eine Umfrage, wonach die Ängste wieder zunehmen. Was ist da dran?
Jung: Das lässt sich in unseren Umfragen nicht belegen. Wir hatten über viele Jahre hinweg eine große Angst vor Arbeitslosigkeit. Wir hatten in den 1990er Jahren große Befürchtungen vor den damaligen Asylströmen, die den Republikanern hohe Wahlergebnisse bescherten. Der Unterschied zu heute ist, dass damals eine kritischere ökonomische Lage herrschte, verbunden zum Beispiel mit einer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Und das bedeutet?
Jung: Dass wir aktuell auch eine etwas größere Gelassenheit in der Bevölkerung verzeichnen. Denn die Flüchtlinge werden nur von den allerwenigsten als Bedrohung der eigenen sozialen Existenz empfunden.

Die große Popularität der Kanzlerin hat wegen der Flüchtlingskrise Kratzer bekommen. Ist Angela Merkel nicht mehr alternativlos?
Jung: Die Leute spüren, dass es weder innerhalb noch außerhalb der CDU ernste personelle Alternativen bei der Kanzlerschaft gibt. Dass Merkel jetzt in der Flüchtlingsfrage polarisiert, ist keine neue Erfahrung. Erinnert sei an das Jahr 2005, als sie zur Enttäuschung vieler Unionsanhänger nur mittels einer großen Koalition an die Macht kam. Und auch in der schwarz-gelben Regierung vier Jahre später waren Merkels Sympathiewerte nicht überragend.

Wie nachhaltig ist ihr Vertrauensverlust jetzt?
Jung: Wenn man alles zusammennimmt, dann sagen immer noch 70 Prozent der Bevölkerung, dass Merkel ihre Arbeit gut macht. Nur jeder Fünfte denkt anders. Fragt man speziell nach dem Flüchtlingsthema, ist die Stimmung ungefähr halbe halbe. Die einen sagen, wir schaffen das, die anderen verneinen das.

Lohnt es sich für die SPD da überhaupt, einen Kanzlerkandidaten aufzustellen?
Jung: Das muss die SPD schon um ihrer selbst willen tun. Sollte Merkel 2017 erneut kandidieren, ist es für die Sozialdemokraten allerdings wenig wahrscheinlich, den Regierungschef zu stellen. Das wäre höchstens in einer gemeinsamen Regierung mit den Linken möglich.

Durch die Anschläge in Paris ist Deutschland jetzt Kriegspartei in Syrien. Gewöhnen sich die Bürger an diese Rolle?
Jung: Die Skepsis ist schon noch groß. Im Falle Syriens muss man aber relativieren. Das ist viel weniger gefährlich als Afghanistan. Das militärische Schlüsselereignis für Deutschland war der Bal-kaneinsatz, der unter Rot-Grün beschlossen wurde. Insofern haben wir es auch mit einem gewissen Gewöhnungseffekt zu tun.

Früher hieß es, Menschen mit extremen Ansichten hielten sich mit ihrer Meinung zurück, weshalb es die Demoskopie mitunter schwer habe. Gilt das heute noch?
Jung: Ja. Aber es gibt Erfahrungswerte, mit denen Umfragen dann korrigiert werden. Wenn Sie auf die Pegida-Bewegung anspielen: Die Leute, die sich dort zugehörig fühlen, bekennen sich auch klar dazu. Sie meinen ja, dass sie die Mehrheit vertreten.

Erwarten Sie mit Blick auf 2016 größere Veränderungen im Meinungsbild der Deutschen?
Jung: Der Trend zur Individualisierung und zur Entpolitisierung ist wohl nicht mehr zu stoppen. Auch die Bindung an die Parteien wird weiter abnehmen. Dadurch kann es zu größeren Ausschlägen für die Parteien kommen. Vor dem Hintergrund werden Koalitionen möglich, die nicht der üblichen Farbenlehre entsprechen, also zum Beispiel schwarz-grüne.