Die Dummheit der Verbraucher

TRIER/PFALZFELD. Gammel-Fleisch, umetikettierte Verpackungen: Was kann man noch essen? Wer ist schuld an den Fleischskandalen? Darüber sprachen wir mit dem Trierer Journalisten Heinz-Peter Baecker, Autor des Buchs "Das Fleisch-Kartell".

Hat Sie der neuerliche Fleischskandal überrascht? Baecker: Überrascht nicht, aber gefreut. Wieso gefreut?Baecker: Nachdem im vergangenen Jahr mein Buch "Das Fleisch-Kartell" erschienen ist, hat sich kaum etwas getan. Nun kommt raus, dass genau die darin beschriebenen Strukturen zum erneuten Skandal geführt haben. Auch bei Im- und Export-Fleisch hat man jetzt versaute Steaks entdeckt. Genau, das habe ich bereits geschrieben. Also der ganze Skandal nur die Spitze des Eisbergs? Baecker: Das kann man so sehen. Das Umetikettieren von abgelaufenem Fleisch ist nur ein Teil des Skandals. Zwischen Stall und Theke gibt es so viele Stationen, wo man manipulieren und skrupellos handeln kann. Das kann man sich als Verbraucher gar nicht vorstellen. Konkret: Wer steckt Ihrer Ansicht nach hinter diesem "Fleisch-Kartell"? Baecker: Da haben viele schwarze Schafe ihrer Finger drin: Futtermittelhändler, Züchter, Tierärzte, Verarbeitungsbetriebe, der Lebensmittelhandel. Überall wird manipuliert. Das geht sogar bis in die obersten Etagen der Kontrollorgane und des Zolls. Das sind mafiöse Strukturen. Es geht immerhin um Milliarden-Umsätze. Der nächste Fleischskandal wird also kommen? Baecker: So sicher wie das Armen in der Kirche. Ich habe damals im Zuge der BSE-Krise recherchiert. Dabei ist schnell klar geworden, dass Rinderwahnsinn bei den ganzen Fleischskandalen nur eine Randerscheinung ist. Das heißt aber auch, dass es gar keine effektiven Kontrollen geben kann. Baecker: Exakt. Das kann sich kein Staat leisten, an allen Stellen zu kontrollieren; man kann allenfalls Stichproben machen. Aber die Fleisch-Mafia ist so raffiniert, dass Einzelkontrollen nicht ausreichen. Theoretisch müsste man an jeder einzelnen Stelle einen Kontrolleur haben. Das ist völlig illusorisch. Dann sind die Versprechungen der Politiker, den Verbraucherschutz zu verbessern, nur heiße Luft?Baecker: Die Bemühungen sind richtig. Aber wie viele Futtermittelhersteller, Züchter, Halter oder Tierärzte gibt es allein in Europa? Da kann man nicht überall sein. Wie können sich Verbraucher vor Ekel-Fleisch schützen?Baecker: Vorsicht bei ausgesprochen billiger Tiefkühlware. Wenn irgendwo ein Kilo Hähnchenschenkel für 1,99 Euro angeboten wird, muss was faul sein. Rechnet man da mal zurück, kann der Preis nicht real zustande kommen. Jeder will dran verdienen: der Landwirt, der Schlachtbetrieb und der Handel. Da kommt man auf einen Ursprungspreis von knapp über 20 Cent, da kann das Fleisch nur minderwertig oder manipuliert sein. Wo kommt Billigfleisch noch vor?Baecker: Bei Imbissbuden. Dort soll auf kleinster Ebene Geld gemacht werden, da kann oft nur billigstes Fleisch verarbeitet werden. Auch bei Fertiggerichten sollte man vorsichtig sein. Was in das angebliche Gulasch aus der Dose reingemengt wurde, kann niemand kontrollieren. Auch bei der BSE-Krise schwenkten die Verbraucher kurzzeitig auf Qualitätsfleisch um. Doch lange angehalten hat dieser Effekt nicht. Entscheidet nicht zuguterletzt wieder der Geldbeutel über den Kauf von Billigfleisch? Baecker: Das ist die Dummheit der Verbraucher. Es liegt in der Natur der Menschen, dass sie schnell vergessen und verdrängen. Daher müssen die Ermittler nicht immer nur an der Oberfläche kratzen, sondern auch mal schauen, was dahinter steckt. Ein Restrisiko wird aber immer bleiben. Kann man überhaupt noch beruhigt Fleisch essen? Baecker: Am besten ganz normal essen, aber nicht gerade das Billigste vom Billigen. Man muss den Mafiosi konsequent zu verstehen geben, dass man keine Lust hat, sie weiter zu unterstützen und damit vielleicht auch einzelne Betriebe gezielt kaputt macht. Mit Heinz-Peter Baecker sprach unser Redakteur Bernd Wientjes Buchinfo: Heinz-Peter Baecker: Das Fleisch-Kartell, Kontrast-Verlag, 363 Seiten, ISBN 3-935286-42-2, 12,90 Euro.

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