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Die Generation der Erben steht vor der Tür

Die Generation der Erben steht vor der Tür

Die Erbschafts- und Schenkungssteuer ist in Deutschland ein Reizthema. Das hat sich auch nicht geändert, seit der gesamte Steuerkomplex zum 1. Januar 2009 nach heftigem politischem Streit umgestaltet wurde.

Trier/Mainz. Man muss hierzulande schon ganz schön was erben, um dem Staat einen Obolus zu schulden: Die Freigrenze liegt für den Ehepartner bei einer halben Million Euro, für jedes Kind bei 400 000 Euro nebst zusätzlichen Versorgungs- und sonstigen Freibeträgen aller Art. Der Durchschnitts-Häuslebauer samt Erst- und Zweitwagen nebst ordentlichem Sparbuch dürfte dem Finanzamt im seltensten Erb-Fall Einnahmen bescheren - jedenfalls, wenn er seine Hinterlassenschaft in der direkten Linie des Familienkreises verteilt.
Anders sieht es bei Unternehmen aus, deren Wert schon mal locker siebenstellige Größenordnungen erreicht. Für sie hat man bei der Reform 2009 das Prinzip "Arbeitsplätze vor Steuereinnahmen" eingeführt - heftig diskutiert und oft angezweifelt. Wer etwa über sieben Jahre den geerbten Betrieb weiterführt, die Arbeitsplätze erhält und die Lohnsumme nicht übermäßig senkt, bleibt weitgehend steuerbefreit - eine von mehreren Varianten.
Warum jemand, der Papis florierenden Betrieb mühelos übernimmt und profitabel weiterführt, beim Staat besser wegkommt als einer, der das geerbte Unternehmen mühevoll saniert, dabei aber nicht alle Arbeitsplätze halten kann: Darüber sinnierten die Kritiker schon bei Einführung der Neuregelung.
Nun, da fleißig von den neuen Möglichkeiten Gebrauch gemacht wird und dem Staat die Einnahmen fehlen, bricht die Diskussion wieder auf. "Die Erbschaftssteuer verkommt zu einer Bagatellsteuer", monierte kürzlich das keiner revolutionären Umtriebe verdächtige Handelsblatt. Das, was die Experten als "Gestaltungsmöglichkeiten" loben, steht bei Kritikern unter dem verschärften Verdacht des Steuerschlupflochs.
Die unterschiedliche Betrachtungsweise hat etwas mit der grundsätzlichen Wirtschaftsphilosophie zu tun. Holzschnittartig dargestellt: Für Marktliberale und Konservative ist das Eigentum, das man vererbt, eine Privatangelegenheit, an der die Allgemeinheit allenfalls ganz bescheiden partizipieren darf. Für Linke und Sozialdemokraten ist das Erbe ein Vermögen, das dem Erben ohne eigenes Zutun zufällt und von dem er der Gesellschaft einen fairen Anteil schuldet.
Das Thema gewinnt an Brisanz, weil der Republik nach Berechnung unterschiedlichster Wirtschaftsinstitute eine "Generation der Erben" ins Haus steht.
"Da ist was dran", sagt selbst der Trierer Steuerberater und ehemalige CDU-Schatzmeister Wolfgang Kram. Nach seiner Einschätzung geht der Erben-Reichtum "bis weit rein in den oberen Mittelstand". Sein Beispiel: Ein Durchschnitts-Ehepaar mit einem Kind, er Oberstudienrat, sie Chefsekretärin, beide haben gemeinsam ein Haus gebaut, er erbt in absehbarer Zeit das Elternhaus, sie die Eigentumswohnung ihrer Eltern. Macht für die Ein-Kind-Folgegeneration ein stolzes Erbe von zwei Häusern und einer Wohnung.
Kein Einzelfall. Und wo "richtig Geld" zu Hause ist, sammelt sich noch mehr Vermögen. Da müsse die Gesellschaft aufpassen, sagt Kram, "dass wir am Ende nicht dastehen wie in England, wo eine bestimmte Schicht nur noch vom Erbe lebt und auf die Jagd geht, statt zu arbeiten".
Sein Plädoyer, bei der Erb-Besteuerung zwischen konstruktiv genutztem und lediglich "verprasstem" Kapital zu unterscheiden, liegt gar nicht so weit weg von der Position des ehemaligen Trierer Volkswirtschafts-Professor Harald Spehl, einem langjährigen linken Aushängeschild der Uni. "Die Frage ist, wie man eine angemessene Heranziehung sichern kann, ohne die Substanz des Vermögens zu schädigen", sagt der Wissenschaftler. Dass die Erbschaftssteuer das richtige Instrument zur Sanierung der Staatsfinanzen wäre, daran hat er offenkundig Zweifel.
Spehl hat kürzlich in einem vielbeachteten "Zeit"-Artikel einen anderen Weg ins Gespräch gebracht: eine Art neuen Lastenausgleich, angelehnt an das entsprechende Verfahren nach dem zweiten Weltkrieg.
Das würde die Vermögenden auch zum Zahlen verpflichten - aber anders als die Erbschaftssteuer langfristig und in überschaubaren Raten.Extra

Luxemburg ist auch in Sachen Erbschaftssteuer aus Sicht der Region ein Steuerparadies: Hinterlässt der Erblasser sein Erbe Ehepartner und Kindern, bleibt es steuerfrei - unabhängig von der Höhe oder Form des Vermögens. Ab dann gibt es im Nachbarland wechselnde Stufen je nach familiärer Nähe, die aber meistens hinter den vergleichbaren deutschen Steuersätzen zurückbleiben. Im Zuge der Reform-Debatte in Deutschland im Jahr 2008 hatten verschiedene Unternehmer wie der Merziger Pharmahändler Edwin Kohl offen mit einer Umsiedlung ins Großherzogtum gedroht, falls Deutschland keine Erleichterungen für Unternehmensübergänge einführe. Entsprechende Fälle sind aber bis heute nicht bekannt geworden. DiL