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"Die größten Verlierer sind die Eliten": Interview mit dem Trierer US-Experten Gerd Hurm zur Trump-Wahl

"Die größten Verlierer sind die Eliten": Interview mit dem Trierer US-Experten Gerd Hurm zur Trump-Wahl

Der raue Ton des künftigen US-Präsidenten Donald Trump während des Wahlkampfes habe seine Anhänger überzeugt und angesprochen. Das sagt der Trierer US-Experte Gerd Hurm. Unser Redakteur Bernd Wientjes sprach mit ihm.

Herr Hurm, was haben Sie gedacht, als klar war, dass Trump die Wahl gewonnen hat?
Gerd Hurm: Ich war als Bürger und als Wissenschaftler zunächst einmal fassungslos. Nach der Brexit-Abstimmung haben zum zweiten Mal die Vorhersagen nicht gestimmt.

Warum hat Trump die Wahl gewonnen?
Hurm: Da gibt es viele Gründe. Die wirtschaftliche Situation der US-Bürger war ein bestimmendes Thema im Wahlkampf. Es gibt viele Globalisierungsverlierer in den USA. Der Milliardär Trump war für sie offensichtlich der Hoffnungsträger. Nach einer Studie der US-Notenbank hat fast die Hälfte der Amerikaner in einem Notfall keine 400 Dollar für einen Arztbesuch oder eine Autoreparatur.

Das heißt, Trump hat den Ton dieser Menschen getroffen?
Hurm: Er hat sich sehr gut an die Umstände angepasst, hat gegen das politische Establishment gewettert. Kritik an falschen Behauptungen hat er mit der populistischen Verschwörungstheorie abgetan, die Medien würden über ihn lügen. Sein rauer Ton hat für seine Anhänger gepasst: Es stimmt, was Trump sagt, er ist einer von uns.

Warum aber, haben die Meinungsforscher so derart falsch gelegen? Bis kurz vor der Wahl galt Clinton ja als die sichere Siegerin.
Hurm: Man hat womöglich nicht richtig zugehört oder man hat die Falschen gefragt. Die Stimmung an der Basis ist auf jeden Fall falsch eingeschätzt worden.

Was sagt das über das Denken der US-Bürger?
Hurm: Man darf nicht übersehen, dass nur die Hälfte der Wähler für Trump gestimmt hat. Das heißt, wir haben es weiterhin mit einer gespaltenen Nation zu tun. Die größten Verlierer dieser Wahl sind die Eliten in der Politik, Wirtschaft, Religion, Sport und Unterhaltung. Sie haben sich fast alle auf die Seite von Hillary Clinton geschlagen, aber die Wähler haben offenbar nicht auf sie gehört. Da tritt Rockstar Bruce Springsteen mit Clinton in Philadelphia auf und sein arg gebeuteltes Pennsylvania wählt Trump. Es gibt kein Vertrauen mehr in die Eliten. Die Bürger haben sich beratungsresistent gezeigt.

Das ist auch der Grund, warum Clinton die Wahl verloren hat?
Hurm: Sie ist die tragische Figur der amerikanischen Politik. Sie war den Linken zu moderat, den Rechten zu radikal. Rückblickend kann nun gesagt werden: Sie konnte nie die Sex-Eskapaden ihres Mannes abschütteln. Hillary Clinton konnte nie glaubhaft versichern, dass Ihr Verständnis für ihn nicht machtpolitisch motiviert war. Glaubwürdigkeit blieb ihr Hauptproblem.

Der Wahlkampf war ja eine einzige Schlammschlacht. Haben Sie einen derart brutalen Wahlkampf in den USA schon einmal erlebt?
Hurm: Der Eindruck ist in der Tat, dass es schlimmer war als sonst. Auf der anderen Seite waren die vergangenen Wahlkämpfe immer von Negativ-Kampagnen durchzogen. Trump hat hauptsächlich auf Provokation gesetzt.

Trump hat sich bei seiner Siegesrede ja sehr versöhnlich gezeigt. Deutet das daraufhin, dass er womöglich doch ein moderaterer Präsident werden wird, als viele befürchten?
Hurm: In der Tat hat er gesagt, dass er das Land einen möchte. Er ist auch, was er eigentlich als authentischer Nicht-Politiker nicht sein wollte, ein gewiefter Schauspieler und Politiker, der durchaus bestimmte Formen des Umgangs geschickt einzusetzen weiß. Da darf man ihn nicht unterschätzen.

Müssen wir Angst vor einem Präsidenten Trump haben?
Hurm: Bei Ronald Reagan haben wir schon befürchtet die westliche Welt geht unter, bei George W. Bush war es ähnlich. Die US-amerikanische Demokratie ist hoffentlich stark genug, dass sie einen Trump aushält, sie steht auch für ständige Erneuerung. Vor zehn Jahren kannte kaum einer Obama.

Hat die Wahl von Trump Auswirkungen auf das deutsch-amerikanische Verhältnis?
Hurm: Es gibt ja nicht nur Trump in der Regierungsmannschaft. Aber nach allem, was er im Wahlkampf gesagt hat, könnte sich das Verhältnis ändern. Das muss man aber erst einmal abwarten. Es könnte unruhiger werden.

Könnte unter Trump die Präsenz des US-Militärs in Rheinland-Pfalz reduziert werden?
Hurm: Wenn er das umsetzt, was er angekündigt hat, wird es zu weniger militärischen US-Einsätzen im Ausland kommen. Das könnte sich auf die Militärpräsenz auch in Rheinland-Pfalz auswirken. Zudem hat er angekündigt, dass die Finanzierung der Nato auf neue Beine gestellt werden soll.

Wird der Populismus in Europa von dem Sieg Trump profitieren?
Hurm: Das wird sich zeigen. Medien, Wissenschaft und Politik müssen wieder besser den Bürgern zuhören.

Gerd Hurm, 58, ist seit 2001 Professor für Amerikanistik in Trier. Er leitet zudem das Zentrum für Amerika-studien. Zu seinen Forschungsinteressen zählen unter anderem Rhetorik und Medien während US-Präsidentschaftswahlkämpfen. wie