Die Kinderfänger

Der Fall Dutroux sprengt alle Dimensionen. Nicht nur die obszönen Details der Verbrechen haben Belgien traumatisiert - ebenso schockierend wie die Taten, die Marc Dutroux vorgeworfen werden, ist die Liste der Justizpannen: verschlampte Hinweise auf das Martyrium der Opfer, auf massiven Druck hin eingestellte Ermittlungen und ein Gefängnis-Ausbruch des Hauptangeklagten. Keine Frage: Der einschlägig vorbestrafte Marc Dutroux pflegte gute Verbindungen - nichts Ungewöhnliches in einem Land, in dem noch bis vor wenigen Jahren regelrechte Musterbriefe für Bestechung und Korruption in Buchläden zu haben waren. Doch die Vermutungen und Gerüchte, die die Versäumnisse der Fahnder und Ermittler heraufbeschworen, sind für eine Nation im Herzen Europas so ungeheuerlich, dass sie nicht einmal als Drehbuch für einen miesen Film taugen würden: So deutet vieles darauf hin, dass Marc Dutroux und seine Kumpane eine Art kriminellen Gemischtwarenladen betrieben, in dem das widerlichste Angebot- die gezielte Entführung von Kindern und Jugendlichen zum Zweck des Missbrauchs und der Folter - seine Abnehmer auch in hohen gesellschaftlichen Kreisen des Landes fand. Nur vier Prozent der Belgier glauben, dass die Affäre restlos aufgeklärt werden wird. Der Staatsanwalt kommentierte vor acht Jahren seine Hoffnungen, den Sumpf Dutroux restlos trockenzulegen, mit den Worten: "Si on me laisse ” - wenn man mich denn lässt. Seit gestern läuft der Test, ob die belgische Justiz die ganze Affäre wirklich aufdecken will. r.jakobs@volksfreund.de

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