Die Königin und ihr Volk

Bei ihrer Wiederwahl als Parteivorsitzende erzielt Angela Merkel auf dem Bundesparteitag in Hannover ihr bestes Ergebnis. Die CDU ist genügsam geworden

Hannover. Sieben Minuten und 45 Sekunden ebbt der Applaus der Delegierten in der Messehalle zu Hannover nicht ab. So ausgiebig ist der CDU-Chefin Angela Merkel nach einer Parteitagsrede noch nie gehuldigt worden. Gut drei Stunden später erhält Merkel bei ihrer Wiederwahl 97,94 Prozent der Stimmen, kein einziges Nein. Es ist das beste Ergebnis, das Merkel seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2000 je erzielt hat. Die Königin. Einen Hauch von Rührung sieht man in ihrem Gesicht. "Wer mich kennt, weiß, ich bin echt platt und bewegt", ruft sie unter dem Jubel der Delegierten.
Dabei hat Merkel nichts gewagt, nichts riskiert, sie hat nur eines gemacht: bei ihrer Rede die Routine-Kanzlerin, die Routine-Vorsitzende gegeben. Polemik gegen den politischen Gegner? Nur etwas Spott darüber, dass die SPD nach zehn Jahren immer noch nicht ihren Frieden mit der Agenda 2010 gemacht hat.

Den einzigen Witz, den Merkel reißt und der die Delegierten endlich einmal in Stimmung versetzt, hat sie aus einer Fernseh-Satiresendung geklaut. Er geht ausgerechnet auf Kosten des liberalen Koalitionspartners: "Gott hat die FDP vielleicht nur geschaffen, um uns zu prüfen." Ihre Retourkutsche zu Philipp Röslers Frosch-Vergleich. Da ist das Gelächter groß.
Beifall für den Verhaspler



Das rhetorische Feuerwerk liegt Angela Merkel nicht. Wohl wissend, dass die Union unter ihrer seit zwölf Jahren dauernden Führung auch genügsam geworden ist, bedient sich die Parteichefin vieler Versatzstücke aus alten Ansprachen, und keiner nimmt es ihr wirklich übel. "Ich will, dass der Euro stärker aus der Krise hervorgeht, als er vor der Krise war", ist so eine Passage. Auffallend ist zudem, wie ausgiebig sie die Werte und Prinzipien der Union beschwört. Das hat etwas Sinnstiftendes, auch in eigener Sache. Denn Merkel wird häufig genug vorgeworfen, es sei nicht klar, wofür sie stehe. Deswegen rührt sie im Traditionstopf. Deshalb spricht sie von Freiheit, Verantwortung, von Familie, von "Lebensmodellen sowohl als auch". Es wird ein Ausflug quer durch den christdemokratischen Garten. Die Parteiseele wird gestreichelt.
Man sei nicht nur zusammengekommen, um sich auf die Schulter zu klopfen, ruft die Vorsitzende. "Aber unsere Erfolgsbilanz sucht ihresgleichen." Die schwarz-gelbe Bundesregierung sei die erfolgreichste seit der Wiedervereinigung. Die Ostdeutsche macht deutlich, dass sie Schwarz-Gelb nach der Bundestagswahl fortführen will. Ein solches Bekenntnis hat die FDP-Spitze von ihr verlangt. Normalerweise reagiert die Kanzlerin dann demonstrativ bockig. Diesmal nicht.
Im Unionsvorstand sind am Tag zuvor Erhebungen der Meinungsforscher gezeigt worden, dass die CDU bundesweit auf 45 Prozent zusteuern könnte, die FDP aber unter fünf Prozent verharrt. Da tut Unterstützung not.