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Die meisten Deutschen arbeiten mit befristeten Verträgen

Die meisten Deutschen arbeiten mit befristeten Verträgen

Die Gewerkschaften sind alarmiert: Lediglich 47 Prozent der Beschäftigten in Deutschland haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag, sind nicht in der Leiharbeitsbranche und verdienen monatlich ab 2000 Euro brutto aufwärts.

Berlin. "Prekäre Beschäftigung ist längst kein Randphänomen mehr", erklärte DGB-Chef Michael Sommer bei der Vorstellung einer repräsentativen Befragung unter rund 6800 Arbeitnehmern gestern in Berlin. Zum zweiten Mal präsentieren die Gewerkschaften damit ihren "Index Gute Arbeit", der anhand ausgewählter Kriterien vom Führungsstil über die Betriebskultur bis zur Einkommenshöhe die Zufriedenheit der Beschäftigten in sämtlichen Branchen misst. Die erste Untersuchung fand im Vorjahr statt. Verglichen damit hat sich das Urteil der Arbeitnehmer über ihren Job nur unwesentlich verändert. Lediglich 13 Prozent gaben eine rundum positive Bewertung ab (2007: 12 Prozent). 55 Prozent der Arbeitsplätze liegen im Mittelfeld (2007: 54). Dagegen sind 32 Prozent (2007: 34) der Beschäftigten mit ihrem Job durchweg unzufrieden. Enormer Aufschwung in der Leiharbeitsbranche

Interessant ist, dass in allen drei Gruppen die Einkommensverhältnissse und die Aufstiegsmöglichkeiten einhellig am schlechtesten bewertet wurden. Im Klartext: Die Leute möchten alle mehr Geld verdienen. Sie sind aber auch bereit, mehr Verantwortung im Betrieb zu übernehmen. Als prekär beziehungsweise unsicher definiert der DGB "befristete Vollzeitstellen und/oder in Zeitarbeit beschäftigt mit einem maximalen Brutto-Monatslohn von 2000 Euro". In dieser Gruppe seien lediglich neun Prozent der Befragten voll zufrieden. 41 Prozent und damit neun Prozent mehr als der Gesamt-Index hätten dagegen eine durchweg schlechte Meinung über ihre Tätigkeit. "Hier ist eine klare Botschaft an alle Arbeitgeber, für die Niedrig löhne und Leiharbeit ein Teil ihrer Strategie ist", schlussfolgerte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg. Die Beschäftigten würden unter schlechter Arbeit leiden und hätten "schlichtweg Angst". Auch Sommer ging mit der Leiharbeit ins Gericht: "Wer setzt Kinder in die Welt, wenn der Arbeitsvertrag in ein paar Monaten ausläuft? Wer macht größere Anschaffungen, wenn nicht klar ist, wie lange noch regelmäßig Geld reinkommt?", argumentierte der DGB-Chef. Diese Entwicklung sei "brandgefährlich" für das Land. Zweifellos verzeichnet die Leiharbeitsbranche einen enormen Aufschwung. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren Mitte 2007 in Deutschland 731 000 Zeitarbeitskräfte unter Vertrag. Zehn Jahre zuvor lag die Zahl nur bei 212 700. Ihr Anteil hat sich also mehr als verdreifacht. Inzwischen ist fast jede vierte neu ausgeschriebe Stelle eine Zeitarbeitstätigkeit. Grund dafür sind gesetzliche Lockerungen, die 2003 noch unter der rot-grünen Bundesregierung beschlossen wurden. Die BA kommt allerdings zu einer differenzierten Bewertung: Bei 67 Prozent der neu abgeschlossenen Zeitarbeitsverhältnisse im ersten Halbjahr 2007 seien Personen zum Zuge gekommen, die unmittelbar zuvor keinen Job hatten. Immerhin jeder zehnte Leiharbeiter sei vorher noch nie beschäftigt gewesen. Fazit der Bundesagentur: "Zeitarbeit stellt eine Chance für Arbeitslose, von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeitnehmer, Berufseinsteiger und Berufsrückkehrer dar".Über den sogenannten Klebeffekt, also die erhoffte Festanstellung im Einsatzbetrieb, schwanken die Angaben allerdings erheblich. Die Leiharbeitsbranche selbst spricht von etwa 30 Prozent der Beschäftigten, die am Ende von einem Entleihunternehmen dauerhaft übernommen werden. Nach einer Untersuchung des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) kann dagegen nur jeder zehnte Leiharbeiter am Ende von einer Festanstellung profitieren. Die Bundesagentur für Arbeit führt darüber keine eigene Statistik.