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"Die oder ich, alles oder nichts"

"Die oder ich, alles oder nichts"

Peer Steinbrück tritt für die SPD bei der Bundestagswahl gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an. Die am Freitag verkündete Personalentscheidung beendet die monatelangen Spekulationen. Warum die SPD Peer Steinbrück vorzeitig zum Kanzler-Kandidaten ausruft, erklärt unser Berliner Korrespondent.

Berlin. Als die drei Troikisten gestern Nachmittag im Willy-Brandt-Haus einträchtig die Bühne betraten, konnte ihre Gemütsverfassung unterschiedlicher kaum sein. Peer Steinbrück hatte ein staatsmännisches Siegerlächeln aufgesetzt. Frank-Walter Steinmeier schien wie von einer zentnerschweren Last befreit. Und dazwischen stand Sigmar Gabriel und machte gute Miene zum schlechten Spiel. "Das Leben ist manchmal anders, als man es plant", lautete die Erklärung des Parteichefs für die sich plötzlich überschlagenden Ereignisse der zurückliegenden Stunden. Konkreter wollte er auf Nachfrage nicht werden. Am Morgen hatten Medien gemeldet, dass Steinmeier auf die Kanzler-Kandidatur verzichte und Steinbrück der Herausforderer von Angela Merkel werde. Dies bestätigte Gabriel nun vor einer stattlichen Anzahl von Medienvertretern. Dabei lobte er Steinbrück in den höchsten Tönen. Und der 65-jährige Ex-Bundesfinanzminister entgegnete in weihevollem Ton: " Ich nehme die Herausforderung an."
Geplant war diese Verkündung ganz anders. Nach Gabriels Darstellung sollte erst der kleine Parteitag am 24. November zur Stunde der Wahrheit werden. Doch dann hatte ihm Steinmeier schon vor vier Wochen eröffnet, er stehe nicht mehr zur Verfügung. Unmittelbarer Auslöser für die gestrige Wendung war jedoch angeblich ein Hintergrundgespräch Steinmeiers mit Journalisten am Donnerstagabend, bei dem eben jene Absage thematisiert wurde und daraufhin schnell in den Medien gelandet war. So blieb Gabriel gar keine andere Wahl, als zu handeln.
Mit der vorzeitigen Kandidaten-Ausrufung geht ein Monate langes Verwirrspiel zu Ende, das die SPD zum Schluss nur noch gelähmt hat. Angefüttert durch halbgare Informationen aus der Partei überschlugen sich die Medien mit immer neuen Spekulationen. Umso verbissener suchten die drei Hauptakteure die Mär zu verbreiten, dass noch nichts entschieden sei.
Dabei gab es längst untrügliche Anzeichen, dass die Kandidatur auf den gebürtigen Hamburger Steinbrück zulief. Noch im Sommer hatte der Spiegel Steinmeier als Sieger in Stellung gebracht. Doch der Vorstoß von Steinmeiers Umfeld blieb ohne größeren Widerhall. Dem glücklosen Kanzlerkandidaten im Jahr 2009 - damals fuhr die SPD mit 23 Prozent das schlechteste Ergebnis ihrer Nachkriegsgeschichte ein - fehlte wohl auch der letzte Biss, um nochmals gegen Merkel ins Feld zu ziehen. "Der wollte nur Vize-Kanzlerkandidat werden", sagen Spötter in der SPD.
Vor der Presse erklärte Steinmeier zu seinem Verzicht gestern nur, es sei eine "persönliche Entscheidung" gewesen. Gabriel wiederum ließ wissen, er habe sich schon im Frühjahr aus dem Rennen verabschiedet. Wenn das wirklich stimmt, wäre das Troika-Spektakel schon frühzeitig absurdes Theater gewesen. Gabriel ist allerdings auch nicht entgangen, dass er in sämtlichen Umfragen von den drei Bewerbern am schlechtesten gegen die amtierende Kanzlerin aussieht.
Blieb also nur noch Steinbrück übrig. Er selbst wäre freilich der letzte, der sich als Notnagel betrachtet. In vertraulichen Gesprächen machte der für seinen trockenen Humor bekannte Hanseat schon frühzeitig deutlich, dass er nicht nur wie einst Gerhard Schröder am Zaun des Kanzleramtes rüttelt, sondern förmlich an die Tür bummert, um Angela Merkel vor selbige zu setzen. "Seine Art, die oder ich, alles oder nichts, das mobilisiert die Partei", hoffen jetzt Steinbrücks Anhänger.
Selbst gegen die massiven Vorbehalte seiner innerparteilichen Gegner scheint der zum konservativen Lager zählende Steinbrück ein Rezept gefunden zu haben. Die Reaktionen auf sein Bankenregulierungs-Papier fielen bei den Partei-Linken geradezu euphorisch aus.
Am Montag will Gabriel auf einer Sondersitzung des Parteivorstandes weitere Korrekturen an seinem umstrittenen Rentenkonzept verkünden. Ob die Steinbrück gefallen werden? Dazu äußerte sich der Kandidat nicht eben euphorisch: "Es bahnt sich eine Lösung an, mit der jeder wird leben können."Meinung

Der Verlegenheits-Kandidat
Unter den drei möglichen Kanzlerkandidaten der SPD ist Peer Steinbrück nicht die erste, sondern die dritte Wahl. Sigmar Gabriel wäre der eigenen Partei viel lieber gewesen und hätte die Genossen im Wahlkampf besser mobilisiert, aber er ist außerhalb der sozialdemokratischen Hinterzimmer nur schwer vermittelbar. Frank-Walter Steinmeier gilt vielen Menschen in Deutschland als der bessere Kanzler, doch einen zweiten schwierigen Wahlkampf, eine mögliche zweite Niederlage gegen Angela Merkel hätte er politisch kaum überstanden. Er zögerte, wägte ab. Erst Steinmeiers Verzicht machte Steinbrücks Kandidatur möglich. Die Entscheidung für Steinbrück ist ein doppeltes Signal. Erstens bedeutet sie, dass auch die SPD mit einem Wahlkampf um das Thema Euro-Krise und Banken rechnet. Diesem Wahlkampf will sie sich mit Steinbrück personell und inhaltlich offensiv stellen. Auf diesem Feld hat der Ex-Finanzminister von allen drei möglichen Bewerbern schlichtweg den besten Ruf. Auf der anderen Seite aber ist die Entscheidung für Steinbrück auch ein Ausdruck sozialdemokratischer Resignation: Die SPD glaubt in Wahrheit nicht mehr an einen rot-grünen Wahlsieg 2013. Es herrscht einfach keine Wechselstimmung im Land. Steinbrück ist in dieser Situation der richtige Mann, denn er hat als einziger der Drei eindeutig und überzeugend erklärt, nicht erneut Merkel als Minister dienen zu wollen. Steinbrück kann die Union glaubhaft attackieren. nachrichten.red@volksfreund.de