Die Qual mit der Wahl

DRESDEN. Und immer noch ist Wahlkampf in Dresden. Obwohl die Nachwahl am Sonntag keine Auswirkung auf das Bundestagsergebnis haben wird, geht für die Parteien dennoch von ihr eine wichtige Signalwirkung aus.

"Jetzt sagen se mir mal, was Sie vorhaben mit Hartz IV!" Die ältere Dame vor dem CDU-Stand auf dem Altmarkt ist erbost, da helfen auch die lustig-grünen CDU-Luftballons nicht. "Sie machen das auch nicht besser!" Ihr Gegenüber will beruhigen, redet von guten Konzepten, den Fehlern der anderen und einem neuen Anfang. Doch die Frau schüttelt nur den Kopf. "Ich bin genervt von der Wahl, das könn se mir glauben. Die machen doch alle dasselbe." Und schon ist sie verschwunden. Es ist Wahlkampf in Dresden, noch immer, oder schon wieder. Plakate säumen die Fußgängerzone, ein bunter Wald aus Schildern, die wie Farbtupfer aussehen vor den grauen Plattenbauten, die noch immer hier stehen.Vor einem Kaufhaus schwenkt ein alter Zausel mit Rauschebart die Sowjetfahne. Doch für viele der 219 000 Dresdner im Bezirk Dresden I, die wegen des Todes einer NPD-Kandidatin im Wahlkampf erst am Sonntag ihre Stimme abgeben können, scheint die Nachwahl kaum noch eine Bedeutung zu haben. An den Machtverhältnissen wird sie nichts mehr ändern.

Die Luft sei raus, hört man auf den Straßen, die eigene Stimme kaum noch etwas wert. Deshalb rechnet man hier eher mit einer niedrigen Wahlbeteiligung, trotz der hohen Briefwahlquote. "Es ist schwierig, die Leute jetzt noch zu motivieren", klagt Andreas Lämmel, Spitzenkandidat der CDU. Gutmütig wirkt er, wie er da vor seinem Stand steht mit dem runden Gesicht und dem schwarzen Bärtchen, wie ein netter Onkel. Er ist beliebt und gilt als Favorit - entsprechend groß ist sein Selbstvertrauen.

"Bei uns geht's um die Ehre"

"Wir gewinnen, und Angela Merkel wird Kanzlerin", sagt der 46-Jährige, während er sich müht, seine Flugblätter an vorbeieilende Passanten loszuwerden. Nur der Druck auf ihn sei durch das Patt in Berlin gestiegen. "Wenn wir verlieren, dann schwächt das auch Angela Merkel." Ein paar Meter weiter, bei den Grünen, die stilecht mit Träcker und bunt bemaltem Wohnwagen gekommen sind, ist man entspannter. "Uns geht's um die Ehre", sagt Peter Hettlich, Bundestagsabgeordneter aus Leipzig, der für den Dresdner Grünen Stephan Kühn Wahlkampf macht und gerade die mitgebrachten Windrädchen in den Wind dreht. Keine Spur von Wahlmüdigkeit, die Stimmung sei gut. "Alle Leute, die ich getroffen habe, gehen wählen." Hettlich strahlt. Das Rädchen dreht sich im Wind. Nebenan wird CDU-Kandidat Lämmel jetzt voll gefordert, ein älteres Ehepaar will wissen, wer denn nun welche Zweitstimme wie zu vergeben habe, damit das der CDU kein Mandat wegnehme. Lämmel seufzt. "Das mit der Zweitstimme verwirrt alle Leute. Wir brauchen beide Stimmen. Als Signal für Berlin." Und dann erklärt er den angestrengt lauschenden Wählern das Problem mit den Überhangmandaten, minutenlang. Am Nachmittag, im Dresdner Stadtteil Stresen, auf einer lauten Straßenkreuzung. Katja Große und ihr Wahlkampfteam warten auf die SPD-Spitzenkandidatin, Marlies Volkmer. Alle tragen rote T-Shirts, auf dem Tisch liegt Traubenzucker bereit. "Das gibt Kraft", sagt die junge Frau, während sie Flugblätter verteilen will. Doch kaum einer bleibt stehen, die meisten hetzen unbeirrt weiter. "Die Leute sind übersättigt", sagt Große. Viele wollten gar nicht mehr wählen gehen, weil ja doch nichts mehr zu verändern sei in Berlin. Trotzdem will sie weiter kämpfen, der Symbolik wegen. Doch ein ganz normaler Wahlkampf. Weiter nichts.