Die Rote Flora und ihre Bande

Fast alljährlich macht das Hamburger Schanzenviertel Schlagzeilen. Dann, wenn die Auseinandersetzungen zum 1. Mai über die Bildschirme flimmern. Ähnliche Schreckensbilder werden von den Anti-G 20-Demos erwartet. Doch wie tickt die Schanze? Wie wurde sie, was sie ist?

Hamburg (dpa) In einem sind sich die Bewohner der Schanze einig. Es sei "eine Provokation", dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausgerechnet bei ihnen mit Donald Trump, Wladimir Putin & Co. trifft. Also quasi "nur einen Steinwurf entfernt", wie es immer wieder heißt, wenn man kurz vor dem G 20-Gipfel durch diesen bunten, lebendigen Stadtteil schlendert und mit den Anwohnern spricht. Denn das Hamburger Schanzenviertel ist sicherlich kein Kuschelort für die Mächtigen der Welt. Sondern eher eine Art gallisches Dorf inmitten der Elbmetropole, in dem den Auswüchsen von Globalisierung, Kapitalismus und sozialer Ungleichheit getrotzt wird - so zumindest das Selbstverständnis der Bewohner. Sinnbildlich dafür steht die "Rote Flora", die berühmteste Trutzburg Linksautonomer in Deutschland. Wäre es nach Touristikern gegangen, würden heute wohl Scharen von Menschen zu Musicals in das einstige Theaterhaus strömen. Doch eine Gruppe Linksautonomer verhinderte dies 1989 und besetzte das Haus - bis heute und seit gut zweieinhalb Jahren mit dem Segen der Stadt. Vereinnahmen lassen wollen sich die Rotfloristen aber auf keinen Fall, wie Flora-Veteran Andreas Blechschmidt betont. Die Rote Flora bleibe widerborstig, ironisch, ein Ort der Gegenöffentlichkeit. Was sie von dem G 20-Treffen halten, zu dem am 7. und 8. Juli die Staats- und Regierungschefs aus führenden Industrie- und Schwellenländern in die Messehallen kommen, lassen die Hausbesetzer Nacht für Nacht in blauen Neonlettern vom Dach in den Hamburger Himmel strahlen: "No G 20". Außen vor der 2014 renovierten Fassade, die mittlerweile wieder bunt-chaotisch überpinselt und überklebt ist, prangt mit Blick auf den G 20-Gipfel ein Banner: "Capitalism will end anyway - you decide when" (Der Kapitalismus scheitert sowieso - du entscheidest, wann). Ein Aufruf zur Friedfertigkeit sieht anders aus. Am Beispiel der Roten Flora zeigt sich aber auch, wie sehr sich das Viertel mit seinen knapp 8000 Einwohnern auf gerade mal 0,6 Quadratkilometern in den vergangenen drei Jahrzehnten gewandelt hat. Heute gehört zu einem Stadtrundgang oft ein Abstecher zu dieser "Kirche des Antikapitalismus" (Der Spiegel) dazu, inklusive Blick auf die vor der Flora campierenden Obdachlosen. Das Haus und seine Besetzer sind mittlerweile ein Tourismusfaktor. Das gilt für das Schanzenviertel insgesamt. Nicht nur an warmen Sommerabenden sind hier Tausende unterwegs, vor allem auf dem Schulterblatt, also der Straße, an der die Flora liegt, mit zig Cafés und Bars. Es hat etwas von Ballermann light. "Diese Proll-ich-sauf-mich-hier-bewusstlos-Geschichte nervt natürlich die Anwohner", berichtet die Geschäftsführerin des Hamburger Mietervereins, Sylvia Sonnemann. Kaum eine weiß besser zu erzählen als Sonnemann, wie sich der Wandel in dem Viertel seit den 1980er Jahren vollzogen hat. Immerhin hilft sie seit 25 Jahren Mietern in der Schanze. Das frühere Industrie- und Arbeiterviertel sei ein eher schmuddeliger Stadtteil gewesen, "ein bisschen Multikulti". Dann habe sich die linke Szene niedergelassen, danach Kreative, Studenten, Werber. Das Viertel sei immer hübscher geworden, sagt Sonnemann. "Es wurde hip und chic, hier zu wohnen." Und hier Boutiquen, Läden, Cafés und Bars zu betreiben. Diese Entwicklung missfiel vor allem jenen, die zur Aufwertung beigetragen haben: den jungen Kreativen und Linken. Waren sie doch plötzlich davon betroffen, dass die Mietpreise explodierten - Stichwort "Gentrifizierung". In der Spitze hätten sich die Preise versechsfacht, sagt Sonnemann. Und das in einem Viertel, in dem traditionell links gewählt wird und die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2015 auf mickrige 2,9 Prozent kam. Ebenfalls typisch Schanze, dass seit Jahren Anwohnerinitiativen um den Erhalt des speziellen Charakters ihres Viertels kämpfen. Andere greifen zu gewaltsamen Mitteln. Wenn ein Restaurant oder ein Laden neu eröffnet, nachdem der Vormieter wegen zu hoher Mieten das Weite suchen musste, bekommen die Neuankömmlinge das zu spüren. So etwa die Betreiber der Modeboutique "Kauf Dich Glücklich". Seit der Eröffnung vor gut vier Jahren sei der Laden schon mehr als zehn Mal attackiert worden, vor allem bei den traditionellen Krawallen zum 1. Mai, berichtet Store-Manager Sven Weber. Die eingeschlagenen Scheiben lässt Weber mittlerweile gar nicht mehr erst reparieren - lohnt sich ja doch nicht. Dafür hat er den Namen geändert. Nun heißt der Laden schlicht "Glücklich". HAmburg rüstet sich für den Gipfel Extra: EUROPAHYMNE BEI G 20-KONZERT

Hamburg

Aktivisten des Bündnisses „G 20 entern“ haben vor der Elbphilharmonie Zelte zum Protest aufgebaut. Foto: Markus Scholz (dpa)
Eine Spieluhr mit dem Porträt Che Guevaras ist in einem Schaufenster ausgestellt. Foto: Axel Heimken (dpa)

Hamburg (dpa) Beim G 20-Konzert in der Elbphilharmonie am 7. Juli wird Beethovens "Ode an die Freude", die Hymne der Europäischen Union, erklingen. "Die Bundeskanzlerin freut sich, gemeinsam mit den Staats- und Regierungschefs der G 20 und deren Partnern am ersten Gipfelabend das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, dirigiert von Kent Nagano, in der Elbphilharmonie zu erleben", teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Das Orchester werde Beethovens 9. Sinfonie spielen. Die Solisten sind Christiane Karg (Sopran), Okka von der Damerau (Mezzosopran), Klaus Florian Vogt (Tenor) und Franz-Josef Selig (Bass). Hamburg (dpa) Während des Gipfels droht nach Einschätzung des ADAC Hamburg der völlige Verkehrskollaps. Auch die ADAC Pannenhilfe werde an den Gipfeltagen nur eingeschränkt verfügbar sein, teilte der Automobilclub am Mittwoch in Hamburg mit. Neben den Straßensperren rund um das Messegelände und die Elbphilharmonie werden spontane Absperrungen gleich mehrerer möglicher Routen für die Konvois der Gipfelteilnehmer den Verkehr in und rund um Hamburg zeitweise zum Erliegen bringen.