Die Rückkehr der Räuber …

… wird von den einen begrüßt, von den anderen mit Sorge beobachtet. 61 Rudel leben in Deutschland. Wie gefährlich sind Wölfe wirklich?

"Rotkäppchen-Syndrom." Leicht spöttisch wirkt dieser Begriff, der eine Urangst des Menschen beschreibt. Die Angst vorm bösen Wolf. Eine Angst, die wohl aus jener längst vergangenen Zeit stammt, in der das Überleben einer Familie davon abhing, ob sie Tiere hatte, die Milch geben oder Fleisch liefern konnten. Elektrische Zäune existierten nicht. So wurden Schafe, Ziegen und Schweine zur leichten Beute. Und der Wolf zum verhassten Feind.
Darüber, wie gefährlich das Raubtier wirklich ist, wird gestritten. Umso heftiger, je mehr von den Tieren sich ihre einstige Heimat zurückerobern.

1888 wurde einer der letzten deutschen Wölfe bei Prüm geschossen. Im Jahr 2000 wanderten die ersten Exemplare wieder nach Ostdeutschland ein.

Seitdem breitet sich Isegrim aus. Zuletzt (Stand April 2017) lebten laut Naturschutzbund Nabu, der die Länderdaten zusammengefasst hat, 61 Wolfsrudel und neun Paare in Deutschland. Ein Rudel bestehe im Schnitt aus etwa acht Tieren: den Eltern, den Welpen des aktuellen Jahrgangs sowie Jungtieren vom Vorjahr. Die Rudel sind ortstreu und dulden keine anderen Wölfe in ihrem Revier. Hinzu kommen laut Nabu mehrere Einzeltiere, die teils auf Wanderung sind.

Das einzige Bundesland, in dem noch kein Wolf gesichtet wurde, ist das Saarland. Das könnte sich jedoch bald ändern. Weit weg ist er nämlich nicht. Erst wenige Tage ist es her, dass Wissenschaftler nachwiesen, dass es ein Wolf aus dem Alpenland war, der im Westen Luxemburgs zwischen Holzem und Garnich Schafe riss. Auch in Rheinland-Pfalz ist Canis lupus, so der Fachname, mehr als einmal aufgetaucht: Seit den Schüssen, die 1888 das letzte Tier in Prüm trafen, wurde erstmals 2012 wieder einer gesichtet. Doch kaum da, war er auch schon tot. Ein Jäger erschoss das aus Italien eingewanderte Tier. Das Amtsgericht Montabaur verurteilte den Mann zu 3500 Euro Geldstrafe.

Aktuell gibt es laut Umweltministerium keine Hinweise auf Wölfe im Land. Das muss allerdings nicht heißen, dass keine herumlaufen. Der letzte Nachweis ist etwa ein Jahr alt. Im September 2016 hatte sich ein Wolf bei Leubsdorf am Rhein an zwei Wochenenden über eine Schafherde hergemacht. Sowohl Gen-Analysen als auch eine Fotofalle bewiesen, dass tatsächlich Isegrim am Werk war. Im Frühjahr 2016 tötete ein Wolf in einem Wildgehege im Westerwald neun Damhirsche mit gezielten Kehlbissen. DNA-Spuren zeigten, dass das Raubtier nicht aus dem Süden, sondern dem Norden eingewandert war: Es stammte aus einem Rudel bei Cuxhafen. Auch im Pfälzerwald war 2015 nachweislich ein Wolf unterwegs.

Kurz: Die Art, die so viel Angst verbreitet, ist wieder hier. Kein Wunder: Die Landschaft ist dafür bestens geeignet - und der Tisch reich gedeckt. Wölfe bevorzugen Huftiere. Dazu zählen Rehe, Rothirsche und Wildschweine, aber auch Schafe und Ziegen.

Der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau und der Förderverein der deutschen Schafhaltung entzünden daher heute ab 19.30 Uhr auf dem Hofgut Meerheck bei Neuwied ein symbolisches Mahnfeuer, um auf die Probleme aufmerksam zu machen, die das alles mit sich bringt. "Politik und Gesellschaft müssen sich entscheiden: Wollen sie Tierhaltung oder wollen sie den Wolf?", sagt Bauernverbandspräsident Michael Horper. Er ist überzeugt: Wenn der Wolf wieder heimisch ist, werden die Weidetierhalter aufgeben. Er fordert konsequentes Abschießen. Man tue der Kreatur ja auch keinen Gefallen, wenn man sie später wieder ausrotten müsse.

Wölfe zu töten ist nach aktueller Rechtslage jedoch strafbar. Sie sind durch das Washingtoner Artenschutzabkommen und die Berner Konvention geschützt. Auch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU verpflichtet Deutschland, dafür zu sorgen, dass Wölfe langfristig einen lebensfähigen Bestand aufbauen können. Daher stellt das Bundesnaturschutzgesetz die Tiere unter strengen Schutz. Und so ist es wahrscheinlich, dass auch in rheinland-pfälzischen Wäldern bald wieder Wolfsrudel heulen.Meinung

Pro: Willkommen zurück, Wolf!
Der Mensch hat den Wolf ausgerottet, nun kommt das Tier zurück. Und das ist - so sieht das auch der Gesetzgeber - sein gutes Recht. Die Abneigung, die den Tieren entgegenschlägt, ist mit Vernunft nicht zu erklären. Seit sie im Jahr 2000 zurückkehrten, ist kein einziger Mensch von einem Wolf verletzt worden. Nur mal so zum Vergleich: Jedes Jahr (!) kommt es zu 30 000 bis 50 000 Bissverletzungen durch Katzen und Hunde. Drei Menschen pro Jahr, meist Kinder, werden von Hunden getötet. Angst vor Hunden oder Katzen wäre also logisch - aber vorm Wolf? Da schlägt das Rotkäppchen-Syndrom zu. Das Unfall-Risiko sinkt sogar, wenn der Wolf die explodierenden Wildbestände in Schach hält. Auch Ackerbauern und Förster profitieren davon. Dass Viehhalter sich Sorgen machen, ist verständlich. Schafe, Ziegen oder Kälber stehen auf dem wölfischen Speiseplan. Die Herden werden also besser geschützt werden müssen - vom Land ordentlich bezuschusst mit Zäunen und Hunden, so wie Viehhalter das in Italien oder Rumänien schon lange mit großer Selbstverständlichkeit tun. k.demos@volksfreund.de

Kontra: Kein Platz für Wolfe
Der Wolf ist nicht nur zurück, wie es seit Monaten unter Verweis auf Nachbargebiete heißt. Er ist inzwischen auch in Rheinland-Pfalz und in Luxemburg angekommen. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis Wölfe auch in der Region Trier die ersten Lämmer, Schafe und Ziegen gerissen haben werden. Und dann? Werden Behörden und Tierschützer beschwichtigen und auf dicke, überflüssige Wolfsmanagementpläne verweisen, während sich Bauern und andere Tierhalter um das Wohl ihrer Vierbeiner sorgen? Sie sollten auch um ihr eigenes Wohl besorgt sein. Denn dass Wölfe Angst vor Menschen haben, ist ein mindestens ebenso gern erzähltes Ammenmärchen wie das vom bösen Wolf. Und dennoch: Wenn Wölfe etwa hungrig oder krank sind, greifen sie mitunter auch Menschen an, wie Hunderte glaubwürdige Schilderungen aus der ganzen Welt belegen. Welche Schlussfolgerungen wir daraus ziehen sollten? Der Wolf hat in unserer Gegend nichts verloren. Das sollten wir ihm deutlich signalisieren. Auch wenn's wehtut. r.seydewitz@volksfreund.deExtra: WIE GEFÄHRLICH SIND DIE TIERE FÜR MENSCHEN?

Autos oder Traktoren machen Wölfen erstaunlich wenig Angst. Auch gibt es Berichte, dass die scheuen Tiere nicht in jedem Fall vor Menschen flüchten. Doch ist es, seit sie wieder in Deutschland sind, laut Umweltministerium nicht zu Angriffen auf Menschen gekommen. Das Norwegische Institut für Naturforschung hat weltweit Fälle analysiert, in denen Menschen von Wölfen angegriffen wurden. Zwischen 1950 und 2000 hat es demnach in Europa 59 Zwischenfälle gegeben. Neun Menschen wurden dabei getötet. Fünf der angreifenden Wölfe waren an Tollwut erkrankt. Die übrigen vier Tiere waren zuvor angefüttert oder provoziert worden. Tollwut sei der häufigste Grund für Wolf-Attacken, heißt es in der Studie, gefolgt von der Gewöhnung an Menschen, Provokation oder einer grundlegenden Veränderung der Umwelt (keine Wälder, keine Beutetiere, hohe Bevölkerungsdichte). Deutschland gilt seit 2008 als tollwutfrei. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Gefahr, in Europa von einem Wolf angefallen zu werden, sehr gering ist. Der Mensch gehöre nicht ins Beutespektrum.Extra: VERHALTENSREGELN BEI DER BEGEGNUNG MIT WÖLFEN

Selbst in Gebieten, wo viele Wölfe leben, passiert es selten, dass man einem begegnet. "Wölfe meiden den Kontakt mit Menschen, jedoch nutzen sie durchaus die vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft und Strukturen", heißt es im rheinland-pfälzischen Wolfsmanagementplan. Das Aufeinandertreffen biete zunächst die Chance zu einer seltenen Naturbeobachtung.

Folgende Tipps gibt das Umweltministerium:Halten Sie respektvollen Abstand!Falls Sie einen Hund dabei haben, nehmen Sie ihn an die kurze Leine! Wölfe sind gegenüber Menschen äußerst zurückhaltend, diese Maßnahme hat somit eine unmittelbare Schutzwirkung auf den Hund.Laufen Sie nicht weg!Wenn Sie mehr Abstand möchten, ziehen Sie sich langsam zurück!Wenn Ihnen der Wolf zu nahe erscheint, sprechen Sie laut, gestikulieren Sie oder machen Sie sich anderweitig deutlich bemerkbar! Der Wolf wird sich dann in der Regel entfernen.Laufen Sie nicht hinterher!Füttern Sie niemals Wölfe! Die Tiere lernen sonst sehr schnell, Menschen mit Futter zu verbinden und suchen eventuell aktiv deren Nähe.

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