Die Suggestionskraft der Worte

Die Suggestionskraft der Worte

TRIER. Trotz Gläubigen-Schwund und stürmischen Zeiten: Auch in Kirchenkreisen gibt es so etwas wie einen Promi-Bonus. Der Name Joseph Kardinal Ratzinger reichte aus, um an einem gewöhnlichen Werktag morgens um neun die Sitzplätze im Dom zur Mangelware werden zu lassen.

Die Attribute, die Kardinal Ratzinger vorauseilen, klingen nicht immer schmeichelhaft. Die graue Eminenz nennt man ihn, den Chef-Ideologen des Vatikans, gar den Nachfolger der Groß-Inquisitoren. Wie geht man um mit dieser Bürde, als einflussreichster Mann einer mächtigen, weltweiten Institution zu gelten, als eiserner Wächter über die Reinheit der Lehre? Wie so oft wirkt der Mensch völlig anders als das Klischee-Bild, das ihm vorauseilt. Zumindest da, wo man ihm nahe genug kommt, um einen Blick jenseits der förmlichen Zeremonien und ritualisierten Handlungen zu erhaschen. Wie zum Beispiel bei der Eintragung ins goldene Buch der Stadt Trier. Ein leiser, bescheidener, redegewandter weißhaariger Herr steht da im großen Rathaussaal und scherzt mit dem Oberbürgermeister. Mit Blick auf das Petrus-Wappen über der Tür meint er, angesichts solchen Schutzes könne ja nichts schief gehen mit den Beschlüssen des Rates. Joseph Kardinal Ratzinger ist kleiner als die Nahaufnahmen im Fernsehen ihn erscheinen lassen. Er kommt mit einem Minimum an Gestik und Mimik aus, setzt ganz auf die Suggestionskraft seiner Worte. Das wird besonders deutlich bei der Predigt im Dom. In weniger als zehn Minuten skizziert er, gedanklich präzise aus den Texten von Lesung und Predigt abgeleitet, die herrschende Lehre im Vatikan. Bildhaft, sprachmächtig, eindeutig in der Sache: Dass die Kirche sich in schwierigen Zeiten nicht am Lauf der Welt zu orientieren habe, sondern an der inneren Kraft der Glaubenslehren. Das kommt im Ton konziliant daher, enthält aber die knallharte Quintessenz der Ära Johannes Paul II: Keine Experimente, keine Kompromisse mit der Moderne. Später, bei seinem Festvortrag in der Liebfrauenkirche, wird der Kardinal die umfassende "Öffnung zur Welt" in Frage stellen. Ein umstrittener Teil dieser Öffnung ist beim Festgottesdienst unübersehbar: In der Schar der 45 Messdiener, die den feierlichen Einzug begleiten, sind auch vier Frauen. Kaum denkbar ohne Zustimmung des Zelebranten. Ratzinger mag ein Konservativer sein, ein Realist ist er eben auch. Dass er für viele Gläubige ein charismatischer Fixpunkt ist, im Positiven wie im Negativen, ist ihm sicher klar. Aber gemessen an seiner Bedeutung wirkt sein Auftritt unprätentiös und sachlich. In gleichbleibend freundlichem Ton absolviert er das Mammut-Programm, trotz seiner 76 Jahre weit entfernt von jener Hinfälligkeit, wie man sie zurzeit unwillkürlich mit dem Vatikan verbindet. Vergnügen an exzellenter musikalischer Ausgestaltung

Am Mittwochnachmittag ist er via Linienflug Rom-Luxemburg angereist, am späten Freitagvormittag geht es zurück. Da bleibt keine Zeit für Zerstreuungen außerhalb der Tagesordnung. Aber das Vergnügen an der exzellenten musikalischen Ausgestaltung des Festgottesdienstes ist ihm anzusehen. Ob er weiß, dass der uniformierte Domschweizer, der beim Auszug durch das Seitenschiff so eifrig vorangeht, den beziehungsreichen trierischen Namen Haßdenteufel trägt? Vielleicht hätte ihm das ein Lächeln entlockt. Auf dem kurzen Weg vom Dom zur Liebfrauenkirche signiert er amüsiert ein älteres Porträt, das ihn gemeinsam mit dem Trierer Urgestein Paul Kaschenbach zeigt. Dann hat der wissenschaftliche Theologe Ratzinger das Wort. Zunächst bei der öffentlichen Festakademie, später bei einem hochkarätigen Kolloquium mit handverlesener Besetzung (Bericht folgt). Der ehrenamtliche Besucherdienst rund um den Dom kann aufatmen: Keine Demo, wie gerüchteweise angekündigt, aufgeräumte Stimmung überall. Und den Toleranz-Test mit dem zugekifften Rasta-Mann, der im hinteren Teil des Doms die liturgischen Gesänge leise mitsummte, hat die Gläubigen-Gemeinde locker bestanden.