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Die Trierer und ihr Karl Marx: Ein Verhältnis mit Höhen und Tiefen

Die Trierer und ihr Karl Marx: Ein Verhältnis mit Höhen und Tiefen

"Die Trierer sind stolz auf ihren Karl Marx". So sprach Oberbürgermeister Klaus Jensen angesichts der großen Marx-Ausstellung zu Trier im Jahr 2013. Eine kernige Aussage, die ein Trierer Stadtoberhaupt 30, 50 oder gar 100 Jahre zuvor schwerlich mit gleicher Entschiedenheit getätigt hätte.

Trier. Das Verhältnis zwischen den Trierern und ihrem fraglos trotz Guildo Horn berühmtesten Sohn war in den letzten eineinhalb Jahrhunderten stets massiven Schwankungen unterworfen. Dass sich die Moselstädter Mitte des 19. Jahrhunderts sonderlich für den Philosophen aus gutem Juristen-Hause interessiert hätten, kann man nicht behaupten.
Umgekehrt war es freilich genauso: Mit 17 kehrte Marx Trier den Rücken, es zog ihn in Metropolen wie Berlin, Paris, Brüssel oder London. Obwohl er mit Jenny von Westphalen ein "Trierer Mädchen" geheiratet hatte, verschlug es ihn nur selten in seine Geburtsstadt. Was aber auch daran lag, dass er sich aufgrund seiner radikaldemokratischen und zunehmend revolutionären Publikationen zeitweise in die Emigration begeben musste.
Als Marx 1883 in London starb, begannen seine Lehren weltweit Kreise zu ziehen. Allerdings nicht in Trier. Das lag zum einen daran, dass in Deutschland der charismatische Sozialistenführer Lasalle wesentlich populärer war als der Rauschebart mit den dicken Büchern. Und zum anderen daran, dass es im bereits von Goethe als "Pfaffennest" deklarierten Trier ein weiteres Jahrzehnt dauerte, bis die ersten zarten sozialdemokratischen Triebe sprossen.
Immerhin: 1892 gründete sich ein "Lese- und Debattierclub Karl Marx". Man las sich Sozialromane vor und diskutierte die Frage, ob es eine Brüderschaft zwischen Arm und Reich geben könne - so berichtet der Historiker Jürgen Herres. Mit am Tisch saß nicht nur die örtliche Sozialdemokratie, sondern auch sozial engagierte Katholiken. Doch der kirchliche Bannstrahl und die staatliche Repression ließen das kleine marxistische Rinnsal in Trier bald versiegen.
Erst in der Aufbruchstimmung nach dem Ersten Weltkrieg tauchte Karl Marx im öffentlichen Bewusstsein wieder auf. Die wiedergegründete SPD und die erstmals in Trier aktive KPD stritten sich um das politische Erbe. Zum Symbol wurde dabei das nach langen Bemühungen entdeckte Karl-Marx-Geburtshaus, um dessen Ankauf sich zunächst die Kommunisten bemühten, bevor es dann 1928 an die SPD ging, die schlicht mehr Geld auf den Tisch legte. Man hatte große Pläne für ein Museum, doch die auch in Trier dräuende Nazizeit ließ Karl Marx und seine Anhänger zu Ausgestoßenen und Verfolgten werden. Welche Symbolwirkung Marx hatte, zeigte sich am 8. März 1933, als braune Horden auf dem Dach des Karl-Marx-Hauses die Hakenkreuzfahne hissten.
1946 stand Marx plötzlich wieder hoch im Kurs. Die Trierer SPD feierte in der Treveris den Geburtstag ihres - freilich nur kurzzeitigen - Idols, und selbst die CDU entdeckte beim - schnell wieder eingemotteten - Ahlener Programm ihre marxistische Ader. Wobei sich die linken Umtriebe in Trier, soweit man weiß, in engen Grenzen hielten.
Zwei Jahre später war ohnehin Schluss. Die Kommunisten Ostdeutschlands bunkerten unter dem Panier des Marxismus-Leninismus ihre sozialdemokratischen Brüder ein. Da mochten die Trierer Sozis von ihrem Urahnen nicht mehr viel wissen. Und die konservative Trierische Landeszeitung schäumte 1956, den Trie rern sei es "bis auf sehr geringe Ausnahmen" peinlich, "die Heimat des Totengräbers der abendländischen Kultur zu sein".
Doch es dauerte nicht lange, bis Karl Marx im Zuge der 68er-Revolte zu neuen Ehren gelangte. Die SPD besann sich auf ihr Erbe und lud pünktlich zum 150. Geburtstag zur feierlichen Eröffnung des lange vernachlässigten Karl-Marx-Museums - mit Willy Brandt und Ernst Bloch. Doch auf Marx berief sich unterdessen auch die junge Garde der Studentenbewegung - und die zog, für Trier ungewöhnliche 1500 Seelen stark, durch die Stadt, "um die SPD als Verräterpartei aufs Korn zu nehmen", wie sich der Trierer Alt-68er Juppy Becher erinnert.
Fortan war das Marx-Haus in der Brückenstraße eine Art Pilgerstädte für prominente Politiker. Der chinesische Ministerpräsident Hua Guofeng kam, der spanische Sozialistenführer Felipe Gonzalez, die afrikanische Legende Leopold Senghor, Uno-Generalsekretär Butros Gali - aber auch die deutschen Bundespräsidenten Heinemann, Scheel und Weizsäcker.
Angesichts des Schimmers von Weltgeltung, den der olle Marx nach Trier brachte, wurde ihm nach der heißen Phase des kalten Krieges auch seitens des städtischen Establishments eine gewisse Duldung zuteil.
Hatte Kulturdezernent Emil Zenz noch Mitte der 70er Jahre den von Schülern geäußerten Wunsch, das örtliche Hindenburg-Gymnasium in Karl-Marx-Gymnasium umzubenennen, als "groben Unfug" bezeichnet, räumte der städtische Pressesprecher Walter Queck 1984 in seinem Buch "Vielgeliebtes Trier" ein, "die meisten Trierer" seien "vor dem Bildschirm ein wenig stolz, wenn ihr großer Bruder in Bildnissen durch die Straßen von Moskau oder Peking getragen wird".
Das Verhältnis war freilich weiterhin reserviert, so blieb etwa das beständige Plädieren der Studentenvertretungen für eine "Karl-Marx-Uni Trier" so erfolglos wie die Anstöße zur Einführung eines Karl-Marx-Preises.
Es war der Trierer Oberbürgermeister Felix Zimmermann, der 1987 als Erster die Chance erkannte, die der Status von Trier als Karl-Marx-Stadt bot. Geschickt fädelte er auf dieser Basis noch zu DDR-Zeiten die deutsch-deutsche Partnerschaft zwischen Trier und Weimar ein. Sein pragmatischer Nachfolger Helmut Schröer setzte nach der Wende zunehmend offensiv darauf, den Mythos Marx als Werbeträger für Trier zu nutzen.
Vor allem Richtung China scheint die Rechnung aufzugehen: Es gibt eine Städtepartnerschaft mit Xiamen, ein Konfuzius-Institut an der Uni.
Spätestens seit Finanzkrisen und Börsen-Crashs wird Karl Marx ohnehin wieder ganz anders diskutiert. Vielleicht wird das ja doch noch was mit den Trierern und "ihrem" Karl Marx.