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Interview
„Es droht ein veritabler Handelskrieg“

Stahlblechrollen auf dem Gelände des Stahlwerks der Salzgitter AG: Trumps Strafzoll-Ankündigung verheißt für die Branche nichts Gutes.
Stahlblechrollen auf dem Gelände des Stahlwerks der Salzgitter AG: Trumps Strafzoll-Ankündigung verheißt für die Branche nichts Gutes. FOTO: Jochen Lübke / dpa
Trier. Die Trierer Wirtschaftsprofessorin Xenia Matschke erklärt im Volksfreund-Interview, was die von den USA geplanten Einfuhrzölle für die Industrien und die Bürger bedeuten. Von Katharina De Mos

Europa und die USA stehen am Rande eines Handelskrieges, denn Donald Trump will Strafzölle für Stahl und Aluminium einführen. Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat einige Stunden vor der geplanten Entscheidung mit Xenia Matschke, Professorin für Internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Trier, darüber gesprochen, welche Folgen das für Wirtschaft, Bürger und die transatlantischen Beziehungen haben kann.

Frau Prof. Matschke, darf Donald Trump das überhaupt?

Ja, das darf er, weil dem US-Präsidenten im Trade Expansion Act (Handelsausweitungs-Gesetz) von 1962 weitgehende Rechte in Bezug auf Handelspolitik eingeräumt worden sind. Dies war damals wichtig, um Zollsenkungen mit anderen Ländern aushandeln zu können, ohne ständig mit dem Kongress Rücksprache nehmen zu müssen. Das Gesetz erlaubt es dem Präsidenten, Zölle zu erheben, wenn die nationale Sicherheit auf dem Spiel steht. Nur sind Zweifel daran erlaubt, dass die nationale Sicherheit der wirkliche Grund ist.

Prof. Xenia Matschke
Prof. Xenia Matschke FOTO: Universität Trier

Wie sollte die EU reagieren?

Die EU sollte besonnen reagieren, aber das ist angesichts der derzeitig im Weißen Haus grassierenden wirtschaftspolitischen Unvernunft wohl schwierig durchzusetzen. Wie sagte Jean-Claude Juncker von der EU-Kommission zum Thema: „So blöd müssen wir auch sein.“ Aus wirtschaftspolitischer Sicht wäre es vernünftig, die Amerikaner zu überzeugen, dass die Zölle auch für sie selbst negative Konsequenzen haben werden.

Welche Konsequenzen?

Zum Beispiel werden durch die Zölle auf Stahl und Aluminium die Vorprodukte für die US-Autobauer verteuert. Tatsächlich hat die EU auch schon versucht, die Trump-Regierung von ihren Zollplänen abzubringen, doch ohne Erfolg. Jetzt sind tatsächlich Vergeltungszölle auf ausgesuchte Produkte wahrscheinlich, um US-Politiker oder ihre Wahlkreise abzustrafen, die Trump bisher unterstützt haben. Leider ist davon auszugehen, dass dies nicht zu einer Rücknahme der Zölle führen wird, sondern dass es zu einem veritablen Handelskrieg kommt, bei dem wechselseitig Zölle auf mehr und mehr Produkte erhoben werden.

Welche Folgen kann all das für die europäische und die deutsche Wirtschaft haben?

Die EU ist der größte Stahllieferant der US-Amerikaner noch vor Kanada, und von den EU-Staaten ist dann Deutschland der wichtigste Stahlexporteur. Auch die Aluminium-Einfuhren aus der EU in die USA sind nicht unerheblich. Für die europäische Stahl- und Aluminiumindustrie ist der US-Markt wichtig. US-Einfuhrzölle werden diesen Industrien schaden, und Arbeitsplatzverluste können die Folge sein.

Wie wird der Weltmarkt reagieren?

Die Einfuhrzölle der USA bedeuten auch, dass die Nachfrage nach Stahl auf dem Weltmarkt sinken wird. In anderen Ländern werden daher die Stahlpreise voraussichtlich fallen, was den Industrien, die Stahl- und Aluminium-Erzeugnisse benötigen, nutzt. Aber man sollte sich da nicht zu früh freuen: Diese Zölle werden wahrscheinlich erst der Anfang sein. Wenn dann flächendeckend Zölle auf Einfuhren erhoben werden, werden viele Preise steigen, und die gesamte Weltwirtschaft wird leiden. Donald Trump hat kürzlich gesagt, ein Handelskrieg sei leicht zu gewinnen. Das ist ein großer Irrtum.

Was bedeutet das für die Bürger?

Eine direkte Auswirkung wäre, dass in den USA die Preise für diese und alle Produkte, die zur Herstellung Stahl und Aluminium benötigen, steigen. In den anderen Ländern würde dagegen der Stahl- und Aluminiumpreis sinken, da die aus den USA kommende Nachfrage zurückgeht und die Ausfuhren der Exportländer teils auf andere Märkte, wie den deutschen, umgelenkt werden.

Und wie könnten die EU-Zölle die EU-Bürger treffen?

Klare Sache: Eigene Importzölle verteuern die Waren im Inland. Wenn die Einfuhr von Bourbon Whisky mit einer Importsteuer belegt wird, dann wird der Whisky in der EU teurer. Das ist genauso, wie wenn wir die Mehrwertsteuer erhöhen.

Welche Folgen kann solch ein Handelskampf für die transatlantischen Beziehungen haben?

Ein Handelskampf würde die transatlantischen, aber auch die transpazifischen Beziehungen ohne Frage negativ belasten. Man muss sich auch überlegen, was es eigentlich bedeutet, wenn Präsident Trump die nationale Sicherheit als Grund für die Einfuhrzölle anführt. Wieso gefährden Stahleinfuhren aus militärisch verbündeten Ländern wie Deutschland, Südkorea oder Japan die nationale Sicherheit der USA? Es ist auch Tatsache, dass die chinesischen Stahl-Einfuhren in die USA bereits recht hohen Zöllen unterliegen. Mit anderen Worten werden die chinesischen Einfuhren gar nicht so sehr von den neuen Maßnahmen betroffen sein. Die neuen Zölle belasten vor allem verbündete Staaten, deren Waren bisher weniger von Zöllen betroffen waren.