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"Die Welt ist ein wunderbarer Ort"

"Die Welt ist ein wunderbarer Ort"

Es war ein öffentlicher Countdown bis zum Tod: Statt sich der zerstörerischen Kraft ihres Gehirntumors hinzugeben, nahm Brittany Maynard ihr Ableben in die Hand. Nun ist sie im Alter von 29 Jahren wie angekündigt gestorben. Ihre Familie stand bis zuletzt hinter ihr.

Washington/Portland. Brittany Maynard starb, wie sie sterben wollte. Sie lag zu Hause in ihrem Bett, umgeben von Menschen, die sie liebte, die sie um sich haben wollte in den letzten Stunden ihres Lebens. Ihr Mann war da, ihre Mutter, ihr Stiefvater, ihre beste Freundin.
Dies sei der Tag, an dem sie beschlossen habe, Abschied zu nehmen, "in Würde angesichts meiner tödlichen Krankheit", schrieb sie zuvor noch auf ihrer Facebook-Seite. Der furchtbare Hirntumor, an dem sie leide, habe ihr bereits so viel genommen, aber er würde ihr noch viel mehr nehmen, hätte sie nicht beschlossen, ihrem Leben freiwillig ein Ende zu setzen. "Die Welt ist ein wunderbarer Ort, Reisen waren mein bester Lehrer, meine engen Freunde und Verwandten sind die größten Geber. Mach\'s gut, Welt."
Die Organisation Compassion & Choices, die Brittany Maynards Fall benutzte, um medienwirksam für die Ausweitung der Sterbehilfe einzutreten, stellte ihr letztes Video ins Internet. Ihre Krampfanfälle seien zuletzt immer häufiger geworden, die Schmerzen am Kopf und im Nacken heftiger, die 29-Jährige habe unter Symptomen gelitten, die an Schlaganfälle denken ließen, sagte ein Sprecher. Deshalb habe sie am Samstag beschlossen, zu jener tödlichen Dosis Tabletten zu greifen, die ihr ein Arzt bereits vor Wochen verschrieben hatte.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich eine Todkranke mit ärztlicher Hilfe das Leben nimmt. Allein in Oregon, einem Pazifikstaat mit besonders liberalen Paragrafen, sind etwa 750 Menschen freiwillig gestorben, seit 1997 der Death With Dignity Act in Kraft trat, ein Gesetz, in dem explizit nicht vom Suizid die Rede ist, sondern von einem Tod in Würde. Aber die anderen waren im Durchschnitt 71 Jahre alt, während Brittany Maynard das Leben noch vor sich hatte. Ihre Jugend, die Klarheit ihrer Gedanken, die bewundernswerte Haltung, die sie bewahrte - das alles gab ihrer Stimme ein Gewicht, wie es vor ihr kaum jemand hatte in der Debatte um pro und kontra Sterbehilfe.
Als sie vor gut drei Wochen zum ersten Mal an die Öffentlichkeit ging, legte sie das Datum ihres Freitods auf den 1. November, zwei Tage nach Dans Geburtstag. "Das Schlimmste, was mir passieren könnte, ist, dass ich zu lange warte, weil ich versuche, jeden Tag voll zu nutzen, ohne dass mir die Krankheit meine Autonomie raubt", ließ sie wissen. "Es gibt keine Behandlung, die mein Leben rettet, und die Behandlungen, zu denen man mir riet, hätten kaputt gemacht, was ich noch an Zeit hatte."
Im Hubschrauber flog sie zum Grand Canyon, um das Schluchtenweltwunder noch einmal zu bestaunen. Davor war sie in den Yellowstone-Nationalpark gefahren und nach Alaska - systematisch arbeitete sie ihre "bucket list" ab, die Liste ihrer letzten Wünsche. Am Tag nach dem Ausflug zum Grand Canyon, schrieb sie, sei es ihr richtig schlecht gegangen. Ein Millionenpublikum klickte ihre Videos an, sie gab Interviews bei CNN und ließ sich vom Promi-Magazin People fotografieren. Mancher sprach von einer Vermarktung, die Grenzen überschreite. Andere bewunderten ihre Offenheit.
Brittany Maynard hat in Berkeley studiert, an einer der besten Universitäten des Landes. Sie wollte Lehrerin werden, die Welt erkunden, sie war in Nepal und am Kilimandscharo. Im Herbst 2012 heiratete sie Dan Diaz, einen Marktforscher. Am Neujahrstag 2014 entdeckten die Ärzte einen Tumor in ihrer rechten Schädelhälfte, und nachdem sich anfängliche Prognosen als zu optimistisch erwiesen hatten, diagnostizierten sie ihn als Glioblastom, unheilbaren Krebs der aggressivsten Stufe IV: Sie habe noch ungefähr sechs Monate zu leben.
Im Sommer zog Brittany Maynard von San Francisco nach Portland, in die Hauptstadt Oregons, einem der fünf Bundesstaaten, die Sterbehilfe erlauben (die anderen sind Montana, New Mexico, Vermont und Washington).
Das Gedächtnis lasse nach, einmal sei ihr nicht mal mehr eingefallen, wie ihr Mann hieß, meldete sie sich neulich zu Wort. Vorige Woche ließ sie wissen, sie schiebe das Sterben auf, sie habe so viel Freude im Kreis ihrer Lieben, es scheine jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zu sein.
Es waren widersprüchliche Nachrichten, die Brittany Maynard in den letzten Tagen in die Welt funkte. Umso klarer klingt, was sie an Lebensratschlägen zu geben hatte. "Nutzt den Tag. Was euch wichtig ist, was wirklich zählt, macht allein das. Und vergesst den Rest." Mit Dan, sagte sie noch, hätte sie sehr gern Kinder gehabt. Nun wolle sie, dass er eine andere Familie gründe.Extra

In der Palliativmedizin geht es um die Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen. Hierzu gehört auch die Schmerztherapie im ambulanten und stationären Bereich. Bei der Palliativmedizin geht es nicht um eine Lebensverlängerung, sondern vor allem um das Lindern von Schmerzen und anderen Symptomen sowie die bestmögliche Lebensqualität. Der Begriff der Palliativmedizin leitet sich vom lateinischen Wort Pallium (Mantel) ab. In dem Sinne soll der Patient schützend umhüllt werden, um ihn vor Leid zu bewahren. Palliativmedizin wurde ursprünglich bei Tumorpatienten angewendet. Die Zahl der Palliativstationen hat bundesweit deutlich zugenommen. 2009 gab es 186 Einrichtungen und 2011 bereits 231. Die Hospizarbeit verfolgt das Ziel, sterbenden Menschen ein würdiges und selbstbestimmtes Leben bis zum Ende zu ermöglichen. Der Hospizgedanke hat in Deutschland zuletzt zunehmend an Bedeutung gewonnen. Es gibt eine wachsende Zahl ambulanter Hospizdienste und stationärer Hospize, die Sterbende am Lebensende begleiten. Die Hospizbewegung hat sich aus einer Bürgerbewegung entwickelt und basiert auf der Arbeit geschulter ehrenamtlicher Kräfte. Der Hospiz-Gedanke orientiert sich an der mittelalterlichen Tradition des "Hospitium", der Herberge. In den stationären Einrichtungen werden die Kranken oft Gäste genannt. Spenden und ehrenamtliches Engagement sind wesentliche Elemente der Hospizarbeit. Die Zahl der stationären Hospize stieg in Deutschland laut Bundesgesundheitsministerium innerhalb von 15 Jahren von 30 (im Jahr 1996) auf 195 (in 2011), darunter sind zehn Kinderhospize. In der Region Trier hat der Hospizverein Trier mehr als 20 hauptamtliche Pflegefachkräfte und rund 80 ehrenamtliche Helfer in seinem ambulanten Hospizdienst und im Trierer Hospizhaus. Sie begleiten, beraten und pflegen Kranke und Sterbende. dpa/red