"Die Zeit läuft davon"

BERLIN. Nach den verschiedenen Pisa-Studien musste Deutschlands Bildungssystem gestern einen weiteren Tiefschlag einstecken. Nur in der Türkei, Tschechien und Österreich werden so wenig Akademiker pro Jahrgang ausgebildet wie hier zu Lande, stellte eine Studie der OECD fest. Deutschland sei im internationalen Vergleich weiter zurückgefallen.

Weil nun auch noch geburtenschwache Jahrgänge kommen, drohe der Wirtschaft bald ein Mangel an Fachkräften, sagt die Studie voraus. Während im Durchschnitt der 30 OECD-Länder - das sind alle entwickelten Industriestaaten - der Anteil von Hoch- und Fachhochschulabsolventen eines Jahrgangs von 27,5 Prozent im Jahr 2000 auf 34,8 Prozent im Jahr 2004 stieg, wuchs er in Deutschland nur um magere 1,3 Prozent auf 20,6 Prozent. Spitzenreiter Island hat sogar 50 Prozent, Finnland 47,8 Prozent Akademiker. Zwar sei Deutschland dabei, Rückstände aufzuholen, doch laufe "die Zeit weg", sagte OECD-Studienleiter Andreas Schleicher gestern in Berlin. Schleicher verwies auch auf China, das nicht OECD-Mitglied ist. Dort gebe es inzwischen jährlich schon doppelt so viele Hochschulabsolventen wie in ganz Europa. Mehr Durchlässigkeit des Schulsystems, ein vielfältigeres Angebot an Abschlüssen und kürzere Studienzeiten bot Schleicher als Lösungswege an. Insgesamt steht Deutschland dank des mit 85 Prozent eines Jahrgangs hohen Anteils von Menschen mit Abitur oder abgeschlossener Lehre bildungsmäßig nicht schlecht da. Doch ist ein solcher Bildungsgrad nach Auffassung der OECD international inzwischen "weit gehend Norm". Deutschland habe nicht ausreichend auf die Herausforderungen der Wissensgesellschaft reagiert, stellt die OECD fest. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt liegt mit 5,3 Prozent nach wie vor unter dem Durchschnitt von 5,9 Prozent in allen Industrieländern. Im OECD-Durchschnitt gaben seit 1998 die Staaten 46 Prozent mehr für Bildung aus, in Deutschland nur 14 Prozent. "Die Anstrengungen reichen nicht, um die Position Deutschlands zu verbessern oder auch nur zu halten", resümierte Schleicher. Zudem gehe in Deutschland 78 Prozent des Geldes für Personal drauf. Andere Länder hätten flexiblere Besoldungssysteme. Hoffnung ruht auf dem Hochschulpakt

Vom Bundesbildungsministerium wurden die OECD-Daten nicht bestritten. Jedoch verwies Staatssekretär Andreas Storm auf die angelaufenen Programme wie die Begabtenförderung. Aber auch Storm räumte ein, dass es größerer Anstrengungen bedürfe, um mehr Menschen zum Studium zu bringen. Am wichtigsten sei der geplante Hochschulpakt, mit dem bis Ende des Jahres geklärt werden soll, wie 500 000 zusätzliche Studienplätze finanziert werden können. Wie sehr die Debatte um die durch sinkende Schülerzahlen demnächst frei werdenden 80 Milliarden Euro bereits entbrannt ist, zeigte die Stellungnahme der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie forderte, die Finanzminister der Länder dürften die Mittel nicht zur Haushaltssanierung verwenden, sondern müssten sie in Kindergärten, Ganztagsschulen und Hochschulen investieren. "Dumm, aber schuldenfrei - das ist keine Perspektive für die junge Generation", sagte Marianne Demmer, stellvertretende GEW-Vorsitzende.