Die Ziele neu justieren

Die breite Mehrheit im Bundestag für eine Fortsetzung des Afghanistan-Einsatzes um ein weiteres Jahr täuscht über die wachsenden Zweifel hinweg. Nach sechs Jahren und 18 toten Bundeswehrsoldaten wird immer häufiger die Frage gestellt: Wie lange noch?

Aber es gibt kein Zurück. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Staatengemeinschaft ein Vakuum hinterlassen würde, wenn sie Afghanistan aufgäbe. In das würden die Taliban stoßen und zweifellos auch Al Kaida. Alles wäre umsonst gewesen. Deutschland stellt mit bis zu 3000 Soldaten das zweitgrößte Truppenkontingent, ist in Afghanistan aber auch zivil stark engagiert. Das Abkommen, das nach dem Afghanistan-Krieg die Stabilisierung des Landes erreichen sollte, wurde in Deutschland ausgehandelt und trägt den Namen Bonner Abkommen. Es kann für den Einsatz angesichts der wachsenden Schwierigkeiten nur eine Devise geben: besser, entschlossener, koordinierter. Viele der Ziele des Bonner Abkommens sind erreicht. Sechs Millionen Kinder gehen wieder zur Schule, auch die Mädchen. Eine afghanische Armee ist im Aufbau, ebenso die Polizei. Präsident und Parlament wurden demokratisch gewählt. Nicht erreicht wurde jedoch die Entwaffnung der Milizen, und nicht erreicht wurde die Eindämmung des Opium-Anbaus. Er ist die Finanzquelle auch der Taliban, die seit Monaten im Süden und Osten wieder eine Offensive führen. Aber auch im Norden, den die Deutschen kontrollieren, bleibt es nur relativ friedlich, weil und so lange man die Warlords mit ihren Geschäften in Ruhe lässt. Der Aufbau der Zivilgesellschaft, die Verbesserung der Infrastruktur, mehr Wohlstand, all das hat bisher nur geringe Teile des Landes erreicht. Die Schwierigkeiten wachsen, weil Taliban und Kriegsherren wieder ihr Haupt erheben, und weil sie auf Rückhalt bei einer Bevölkerung stoßen, die von den Aufbau-Milliarden bisher wenig gesehen hat. Die Lage wird insgesamt immer brenzliger und droht zu kippen. Diese Analyse lässt nur den Schluss zu, dass eine neue Afghanistan-Konferenz notwendig ist, die die Ziele und Mittel unter allen Beteiligten neu justiert. Notwendig ist auch eine Verständigung mit den USA, die ihr Engagement fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Kampfes gegen den Terror sehen. Dieser ist jedoch nicht zu gewinnen, wenn nicht gleichzeitig der Aufbau ziviler Strukturen gelingt. Es muss um beides gehen, mehr Sicherheit und Wiederaufbau. Deutschland hätte Grund genug, dazu die Initiative zu ergreifen. nachrichten.red@volksfreund.de