| 20:40 Uhr

Donald Trump heizt Gerechtigskeitsdebatte an

Washington. Neiddebatten kennt Amerika nicht. Dass man reichen Menschen ihren Reichtum verübelt, ist die Ausnahme. Wer Erfolg hat, wird neidlos gefeiert, er gilt als Vorbild. Nun, fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl, hat sich am Milliardär Donald Trump eine Debatte entzündet, bei der es um Gerechtigkeit geht.

Washington. Wieso mogelt sich ein schwerreicher Bauunternehmer jahrelang um die Einkommensteuer, während Joe und Jane Normalverbraucher selbstverständlich ihren Beitrag zu leisten haben? Was sind das für Gesetze, die eine solche Schieflage zulassen? Auslöser sind hochbrisante Zahlenkolonnen.
Die New York Times hat getan, wogegen sich Trump sträubt. Die Zeitung hat einen Auszug aus seiner Steuererklärung veröffentlicht. Zwar handelt es sich nur um drei Seiten aus dem Jahr 1995. Die aber haben es in sich, lassen sie doch den Schluss zu, dass der Tycoon über lange Zeit womöglich nicht einen Cent an Einkommensteuer zahlte. Damals machte er einen Verlust von 916 Millionen Dollar geltend. Unter Nutzung legaler Abschreibungsmöglichkeiten dürfte er sein zu versteuerndes Einkommen um rund 50 Millionen Dollar pro Jahr heruntergerechnet haben, vermuten Experten. Stimmt die Annahme - und der Mogul hat sie bislang nicht dementiert -, wäre der Fiskus 18 Jahre lang leer ausgegangen.
Zurückzuführen ist es auf eine Pleitenserie, die Trump Anfang der Neunziger am Rande des finanziellen Ruins wandeln ließ. Als seine drei luxuriösen Spielcasinos in Atlantic City nicht die Einnahmen erzielten, die er sich erhofft hatte, stand er vor dem Bankrott. Eine Fluglinie erwies sich als Flop, in Manhattan erlitt er Schiffbruch mit dem Plaza Hotel, bei dessen Kauf er sich übernommen hatte. Seine Gläubiger ersparten ihm den Offenbarungseid. In der Kalkulation der Banker war es das kleinere Übel, dem Mann einen Rettungsring zuzuwerfen, statt ihn untergehen zu lassen: Donald Trump war "too big to fail". Steuerlich hat er enorm profitiert, wobei noch offen ist, ob es sich bei seinem neunstelligen Minus 1995 um echte Verluste handelte oder mehr um solche, die gewiefte Buchhalter hochgerechnet haben.
Im Rennen ums Oval Office aber könnte ihm die Sache schaden. Nicht, dass ihm seine treuesten Anhänger die Gefolgschaft aufkündigen würden. Für die frustrierte weiße Arbeiterschaft im Rostgürtel der alten Industrie kann er nichts falsch machen. Doch schwankende Wähler dürften sich bestätigt fühlen. Der schrille Seiteneinsteiger lebt ja gerade vom Image des erfolgreichen Kapitalisten, eines Typus, dem eine Mehrheit der Amerikaner mehr zutraut als einer politischen Klasse.
Wer jedoch als Unternehmer derart ins Schlingern geriet, kann kaum noch glaubwürdig werben. Wem es vorher nicht klar gewesen sei, der wisse es nun, sagt Steven Rosenthal, ein Washingtoner Steueranwalt: "Unsere Steuerparagrafen, mit all ihren Ausnahmeregelungen, belohnen massiv die Reichen." fhe