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Donald Trump löst heute Barack Obama als US-Präsident ab - Kritiker wollen weder feiern noch hinsehen

Donald Trump löst heute Barack Obama als US-Präsident ab - Kritiker wollen weder feiern noch hinsehen

Die USA stehen vor einer Zeitenwende: Der liberale Demokrat Barack Obama übergibt den Stab an den ungestümen Republikaner Donald Trump. Heute ist es so weit - doch vielen Amerikanern steht nicht der Sinn nach feiern.

Washington. Den schönen Schein zu wahren, darauf hat John Lewis noch nie Wert gelegt. Also ließ er wissen, dass er der Amtseinführung Donald Trumps fernbleibe, weil er in dem Mann keinen legitimen Präsidenten sehe. Schließlich habe Russland die Kandidatur Hillary Clintons zerstört, schließlich habe Moskau mit seinen Hackerangriffen geholfen, Trump zu wählen. Was mit einem Interview begann, wird am Freitag mit einem veritablen Boykott enden: Rund sechzig Kongressabgeordnete haben sich mittlerweile mit Lewis solidarisiert. Sie folgen dem Beispiel des alten Bürgerrechtlers, der 1965 an der Spitze eines Demonstrationszuges über die Edmund-Pettus-Brücke in Selma marschierte, wo Polizisten mit Knüppeln so heftig auf seinen Schädel einschlugen, dass sie ihn fast zertrümmerten. Lewis' moralische Autorität ist unbestritten, und nun werden wohl um die 60 namhafte Demokraten durch Abwesenheit glänzen, wenn Trump vorm flaggengeschmückten Kapitol mit seiner frisch renovierten Kuppel den Eid ablegt. Es wird also nichts mit dem schönen Schein.
Theoretisch ist es ja so, soll es so sein: Sobald die Wahlschlacht geschlagen ist, halten die Anhänger beider großer Parteien inne, um zu feiern, dass sich der Übergang der Macht in Amerika friedlich vollzieht. Sobald der Sieger gekürt ist, bringen ihm auch die Verlierer guten Willen entgegen. Was in aller Regel bedeutet, dass die Beliebtheitswerte des angehenden Präsidenten in den zwei Monaten zwischen Wahl und Inauguration kräftig ansteigen.Spektakel am Kapitol


Das Spektakel an der Westseite des Kapitols soll die Versöhnung gewissermaßen krönen: Es signalisiere, "dass wir als geeintes Volk hinter einer alles überdauernden Republik stehen", steht voller Pathos in der wappenverzierten Einladung. Einzigartig amerikanisch sei das. In der Praxis ist es oft anders, besonders in diesem Jahr.
Trumps Popularitätswerte sind seit dem Spätherbst nicht gestiegen, sondern gefallen, und allein schon die Kontroverse mit Lewis macht deutlich, warum. Statt wenigstens einmal einen Einwand mit souveränem Schweigen zu übergehen, griff der schnell Beleidigte zu seinem Smartphone, um sich mit ein paar giftigen Twitter-Zeilen zu rächen. Lewis solle weniger reden und sich mehr um seinen Wahlbezirk kümmern, der sich in fürchterlichem Zustand befinde, wetterte er. Nun sitzt Lewis, ein Weggefährte Martin Luther Kings, für Atlanta im Repräsentantenhaus, und die pulsierende Metropole des Südens als chronischen Krisenfall zu bezeichnen, geht schon sehr an den Tatsachen vorbei. Trump scheine überall dort, wo in großer Zahl Afroamerikaner lebten, chronische Krisenfälle zu sehen, verwahrte sich die kalifornische Abgeordnete Maxine Waters gegen das Schablonendenken. "Ich jedenfalls werde ihm nicht die Ehre erweisen, ich respektiere ihn nicht, ich will nichts zu tun haben mit dieser Inauguration", sagte sie. Worauf der Milliardär ungerührt erwiderte, wer nicht zu erscheinen gedenke, möge ihm bitte seine Eintrittskarte zurückgeben, er brauche dringend zusätzliche Tickets.
Im Kellergeschoss des Nationalarchivs, einer jener Prachtbauten, die das Zentrum der Stadt prägen, sitzen David Axelrod und Jay Carney auf einem Podium und plaudern aus dem Nähkästchen. Der eine war mal Chefstratege, der andere Pressesprecher des Präsidenten Barack Obama, beide singen ein Hohelied auf die Staatsräson. Auf das ungeschriebene Gesetz, nach dem sich der Transfer der Macht, von einer Administration zur nächsten, so reibungslos wie möglich zu vollziehen hat. Auch dann, wenn ein Trump einen Obama ablöst. Carney erzählt, wie er am Tag nach der Wahl an Sean Spicer schrieb, den altgedienten Republikaner, der Pressesprecher im Weißen Haus wird. Er, Spencer, könne ihn jederzeit um Rat fragen. Axelrod schwärmt davon, wie kooperativ sich die Mannschaft George W. Bushs vor acht Jahren gegenüber dem Team Obamas verhalten habe.
Dasselbe, sagt er, gelte nun für Obamas Leute, sie wollten nun ihrerseits Trumps Riege das Einarbeiten so leicht wie möglich machen. Es sind Momente, die einen glauben lassen, dass der schöne Schein doch nicht nur Schein ist. Dann aber, als das Publikum sich an der Debatte beteiligt, tritt eine schwarze Studentin an ein Mikrofon und fragt ohne Umschweife: "Sagen Sie mir bitte, welche Hoffnung ich jetzt noch haben soll?" Worauf Axelrod nach langem Nachdenken antwortet: "Die Hoffnung sind Sie."
In Chevy Chase, im Nordwesten Washingtons, hat sich Mike Pence für ein paar Wochen einquartiert, bevor er am Freitag in seine Residenz einzieht. Pence hatte, ehe er als Juniorpartner Trumps für die Vizepräsidentschaft kandidierte, im Gouverneursamt des Bundesstaats Indiana ein Gesetz durchzusetzen versucht, das es jedem Ladenbesitzer erlauben sollte, schwule und lesbische Kunden abzuweisen, dem Text nach aus religiösen Gründen. Knapp zwei Jahre ist das her. Nun lässt ihn Chevy Chase spüren, was es davon hält. Typisch für die Gesinnung einer liberalen Hauptstadt, deren Wähler übrigens zu 91 Prozent für Hillary Clinton stimmten. Rings um die Tennyson Street, wo Pence kurzzeitig wohnt, weht inzwischen vor jedem zweiten Haus eine Regenbogenflagge. Szenen eines Kulturkonflikts.Extra

Der US-Präsident gilt nicht nur als mächtigster Mann der Welt, er hat auch einige spezielle Privilegien. Eine Auswahl: Atomkoffer: Der Präsident ist Herr über die Nuklearcodes. Die Übergabe-Teams haben angeblich alles so vorbereitet, dass keine lange Einarbeitung nötig ist. Der Koffer, der sogenannte "Nuclear Football", ist an das Handgelenk eines Militärs gekettet, der immer in der Nähe des Präsidenten ist. Der Koffer stellt im Ernstfall die Kommunikation mit der Militärführung im Verteidigungsministerium sicher und bestätigt die Identität des mächtigsten Mannes der Welt. Der Präsident soll die Codes zur Identifizierung auf einer Plastikkarte bei sich tragen, - im Volksmund "biscuit" genannt, Keks. Air Force One: Trump flog zuletzt ausschließlich mit seinem eigenen Flugzeug, aber nun stehen ihm die eigenen Maschinen des Präsidenten zur Verfügung - auch, wenn er sich bisher wenig begeistert zu diesen Maschinen geäußert hat. Marine One ist der Name des eigenen Hubschraubers des Präsidenten. The Beast: Um den Cadillac ranken sich viele Mythen, offizielle Angaben gibt es aus Sicherheitsgründen nicht. Mit einem geschätzten Gewicht von fünf bis acht Tonnen so schwer wie ein Kleinlaster, trägt er das Kennzeichen USA 1 und - meistens - die Standarte des Präsidenten. Er ist auf fast sieben Meter verlängert und mit Karbon und Titan extrem gepanzert. Der Innenraum kann angeblich bei Bedarf hermetisch verschlossen und mit mitgeführtem Sauerstoff versorgt werden. Angeblich bringen es die acht Zylinder auf 1000 PS. dpa