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Drei Jahrzehnte herrschen Gemetzel und Tod in Europa

Drei Jahrzehnte herrschen Gemetzel und Tod in Europa

Von 1618 bis 1648 wütet in Europa der Dreißigjährige Krieg, der nicht nur die deutschen Lande regelrecht ausblutet. Unversöhnlich stehen sich Katholiken und Protestanten gegenüber.

Es begann 1618 mit einer Revolte in Böhmen. Am 23. Mai 1618 stürmen protestantische Adlige die Burg von Prag, den Sitz des Königs von Böhmen. Sie werfen kurzerhand zwei seiner Statthalter samt Sekretär aus dem Fenster. Die ganze Wut über die Einschränkung der Religionsfreiheit und die Unterdrückung durch die katholischen Machthaber entlädt sich in dieser Tat. Dieser zweite "Prager Fenstersturz", wie die Geschichtsschreibung den Angriff heute nennt, sollte weitreichende Folgen haben. Nicht für die armen Beamten - alle drei überleben das Attentat wie durch ein Wunder. Doch jetzt breitete sich der Konfessionskonflikt rasch im Reich aus. Und führte zu einem der längsten und grausamsten Kriege auf deutschem und europäischem Boden.
Kulturgeschichte der Menschheit


Wie konnte es soweit kommen? Um zu verstehen, weshalb aus dem Prager Fenstersturz ein 30 Jahre dauerndes Massaker werden konnte, muss man sich die Machtverhältnisse in Europa vor 1618 anschauen. Das Heilige Römische Reich - also der Herrschaftsbereich des römisch-deutschen Kaisers - war durch die Glaubensspaltung in Bedrängnis geraten. Seit Karl dem Großen waren Kirche und Kaiser untrennbar miteinander verbunden. Der Kaiser galt als Wahrer der "einzigen" Kirche des Christentums. War dessen Einheit bedroht, war auch die Einheit des Kaiserreichs infrage gestellt. Die Spaltung der Kirche aufgrund theologischer Differenzen wurde so zum immanenten Sicherheitsrisiko für das Reich. Hier die Katholiken, dort die Protestanten - seit 1517 (Beginn der Reformation) trennte die Gläubigen dieser Graben.

Krisenherde überall:
Die religiösen Differenzen waren aber auch ein willkommener Anlass für Adelsfamilien, Fürsten und Könige, politische Machtkämpfe auszutragen. In ganz Europa loderten die Krisenherde. In Deutschland musste der Kaiser seine Autorität gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Fürsten verteidigen. Weiter im Norden bedrohte das aufstrebende Königreich Schweden die traditionelle Vormachtstellung Dänemarks im Ostseeraum. Vom Süden her versuchte das Königreich Spanien unter anderem, die abtrünnige Provinz der Niederlande zurückzuerobern. Und zwischen dem Haus Habsburg und dem Königreich Frankreich schwelte der Konflikt um die Führungsrolle in Europa.

Augsburger Religionsfrieden:
1555 schienen die Zwistigkeiten mit dem Augsburger Religionsfrieden einstweilen beigelegt: Dem Luthertum wurde die Existenz neben dem Katholizismus zugebilligt. Jeder deutsche Landesherr konnte fortan in seinem Territorium die Konfession festlegen. Wer dem nicht folgen wollte, konnte auf Grund eines Auswanderungsrechtes das Territorium des Landesherrn mit Eigentumsgarantie frei verlassen. Konfessionell wurde Deutschland ein Flickenteppich. Welche Auswirkungen das hatte, sehen wir bis heute: Bayern und Baden etwa sind katholisch geprägt, Hessen, Niedersachsen oder Thüringen evangelisch.

Kurze Ruhe:
Die erste Generation von Fürsten akzeptierte den Frieden von Augsburg. Doch Anfang des 17. Jahrhunderts kam es erneut zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen katholischen und protestantischen Herrscherhäusern. In Böhmen spitzte sich der Konflikt im Frühjahr 1618 schließlich zu. Böhmen war überwiegend protestantisch. Als der König die mit Brief und Siegel zugesicherte Religionsfreiheit der Protestanten rückgängig machen wollte, war das der Funke, der den Krieg auslöste. Indem die Adligen die Statthalter des Herrschers aus dem Fenster stürzten, demütigten sie ihn. "Bis hierhin und nicht weiter", lautete die Botschaft. Und: "Böhmen bleibt protestantisch."

Zünglein an der Waage:
Für Ferdinand II. - König von Böhmen und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches - wäre der Verlust Böhmens dramatisch gewesen. Ihm ginge eine wichtige Stimme verloren. Denn der Kaiser wurde von sieben Kurfürsten gewählt. Sie kamen aus Brandenburg, Sachsen und der Pfalz - allesamt protestantisch - sowie aus dem katholischen Köln, Mainz und Trier. Das Zünglein an der Waage dieses Septetts war Böhmen. Auf seine Stimme kam es an. Es blieb Ferdinand sozusagen nichts anderes übrig, als den Aufstand niederzuschlagen.

Suche nach Verbündeten:
Doch dafür brauchte er Unterstützung - er hatte keine gefüllten Kriegskassen. Die Spanier und Bayernherzog Maximilian halfen Ferdinand II. Und so weitete sich der Krieg bald auf ganz Europa aus. Denn die Verbündeten des Kaisers hatten ihrerseits Forderungen. Maximilian von Bayern etwa wollte die pfälzische Kurwürde. Der spanische König verlangte für seine Dienste einen Teil der Pfalz, um sich seinen Nachschubweg in die Niederlande zu sichern. Was wiederum Frankreich nicht akzeptieren konnte, weil es seine Grenzen bedroht sah. Die protestantischen Lager, zwischenzeitlich geschwächt, baten den König von Dänemark um Unterstützung.

Kein Ende in Sicht:
Das war die Gelegenheit für Gustav Adolf von Schweden, in das Geschehen einzugreifen - der Krieg war zu diesem Zeitpunkt bereits im zwölften Jahr angekommen. 1635 griff auch Frankreich aktiv in den Krieg ein. Ganz Europa beteiligte sich mittlerweile an der Schlächterei: Auf den böhmisch-pfälzischen Krieg folgte der dänisch-niedersächsische Krieg, der schwedische, der schwedisch-französische Krieg. Das Klirren der Waffen, das Schreien der Sterbenden, der blutgetränkte Boden, all das schien kein Ende mehr nehmen zu wollen. Je länger der Krieg dauerte, desto mehr verfielen die staatlichen Ordnungen.
Teures Gemetzel:
Längst ging es auch nicht mehr um den Konflikt zwischen den beiden Konfessionen. Es war ein Morden entbrannt, das neue Machtbereiche abstecken und alte Rechnungen begleichen soll. Das kostete Geld, viel Geld. Je länger das Gemetzel währte, desto stärker wurde auch die Bevölkerung zur Kasse gebeten. Der Feldherr Wallenstein, vom bankrotten Kaiser um Hilfe gebeten, entwickelte dazu ein besonderes Finanzierungssystem: Wallenstein stellte auf eigene Kosten eine Armee auf und verlangte für seine "Dienste" von allen, deren Region er durchkreuzte, eine Entlohnung. Die Bevölkerung wurde geschröpft, ausgeplündert und materiell ausgeblutet. Andere Kriegsparteien kopierten das System. Marodierend zogen Soldaten durchs Land. Unendliches Leid war die Folge.

Hohe Verluste:
Heute schätzt man, dass etwa 40 Prozent der Gesamtbevölkerung in den drei Kriegsjahrzehnten umkamen - in den am schlimmsten betroffenen Gebieten in Südwestdeutschland sogar zwei Drittel der Menschen. Besonders getroffen hat es Regionen, durch die die Armeen zogen, zum Beispiel Norddeutschland, Niedersachsen, Mitteldeutschland, das Gebiet des heutigen Hessen und Bayern.

Zähe Verhandlungen:
1643 endlich kamen Vertreter der kriegsführenden Länder in Münster und Osnabrück zusammen, um einen Frieden auszuhandeln. Erst fünf Jahre später, im Jahr 1648, wurde dann der Westfälische Friede geschlossen. Er schaffte eine Ordnung, in der die Konfessionen miteinander leben können. Schweden erhielt als erbliches Lehen Vorpommern, Rügen, die Odermündung mit Stettin, Wismar, das Erzbistum Bremen und das Bistum Verden. Frankreich bekam das Elsass, Breisach, Metz, Toul und Verdun; Brandenburg als Ausgleich für Vorpommern Teile Norddeutschlands. Die Niederlande und die Schweiz wurden als souveräne Staaten anerkannt. Die Reichsstände erhielten weitgehende Selbstständigkeit - der Kaiser hatte dafür an Macht eingebüßt.

Kleinstaaterei:
Der Westfälische Frieden beendete den Dreißigjährigen Krieg. Gewalt, Hunger und Seuchen hatten die Bevölkerung der deutschen Territorien in drei Jahrzehnten von 17 auf acht Millionen Menschen schrumpfen lassen. Das Reich war zertrümmert, traumatisiert, in Kleinstaaten zersplittert.

In der nächsten Folge:
Die Geburt der Oper im Barock

Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichte
Extra

Die Schlacht bei Lützen auf dem Gebiet von Sachsen-Anhalt gilt als das bedeutendste Gefecht des Dreißigjährigen Krieges. Dort standen sich 1632 die Schweden unter König Gustav II. Adolf (Foto: dpa) und die kaiserlich-katholischen Truppen unter dem Feldherrn Albrecht von Wallenstein gegenüber. 40 000 Mann kämpften verbissen gegeneinander, 6500 fielen. Das ehemalige Schlachtfeld ist heute eine Fundgrube für Archäologen - erst 2011 wurden dort 10 000 Relikte geborgen. Dieser Schlachtfeldarchäologie widmet sich ab März 2012 eine Ausstellung im Museumsschloss Lützen ( www.wallenstein-luetzen.de ). Thomas Mann feierte ihn als "Literatur- und Lebens-Denkmal der seltensten Art": den Schelmenroman "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch". Darin wird die Geschichte des jungen Helden Simplicius (der Einfältige) in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges erzählt: lebensnah und roh, bluttriefend und amüsant. Der 1668 erschienene Roman des Hans Jakob von Grimmelshausen gilt als bedeutendes Werk deutscher Literatur. Doch gelesen haben es nur Wenige - zu sperrig wirkt seine altertümliche Sprache. Vor ein paar Jahren hat der Übersetzer Reinhard Kaiser den "Simplicissimus" in ein heute verständliches Deutsch übertragen. Das lesenswerte Ergebnis liegt im Eichborn-Verlag vor. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e. V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e. V., Telefon: 02661/6702, Info: www.marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red