"Du bist ja eine Ausnahme!"

TRIER. Dass sie immer noch als Ausnahme gelten, ist Evrim und Tuana bewusst. Sie selbst kennen nur wenige Deutsch-Türkinnen, die wie sie Abitur gemacht haben und studieren. Doch dieser Sonderstatus birgt nicht nur Vorteile. Jede Tür, die ihnen gute Bildung öffnet, entfremdet sie von den eigenen Ursprüngen.

In ihrer Nachbarschaft sind sie Vorbild für viele junge Mädchen. Und auch die Erwachsenen dort haben Respekt vor ihrer Bildung. Tuana (21) und (22, beide Namen geändert) sind Studentinnen an der Trierer Universität. Sie kennen einander nicht. Und doch finden sich viele Parallelen in ihren Lebensgeschichten. Beide sind sie Töchter türkischer Einwanderer. Beide haben sie es als einzige in ihrem Umfeld aufs Gymnasium und zum Abitur geschafft. Beide hatten sie das Glück, in einem Elternhaus aufzuwachsen, das sie darin unterstützte und ihnen auch sonst viele Freiheiten ließ. Dass dies immer noch keine Selbstverständlichkeit ist, wissen die jungen Frauen. Die Werdegänge der Studentinnen sind Beispiele für eine gelungene Integration in die deutsche Gesellschaft. Am Gymnasium hatten sie sogar ausschließlich deutsche Freunde. "Das hat mich schon geprägt", erzählt Evrim. "Meine Einstellung ist wahrscheinlich um einiges toleranter als die vieler Türken." Die beiden haben den Wert einer guten Bildung erkannt. "Ich bin dadurch unabhängig und mache mir mein eigenes Bild von den Dingen", sagt Tuana.Was hier integriert, grenzt dort aus

Doch was diese Mädchen in die eine Kultur integriert, grenzt sie aus der anderen aus. Sie besitzen einen Sonderstatus. So hört Evrim von anderen Türkinnen ihres Alters immer wieder: "Das verstehst du nicht. Du bist ja anders. Du bist ja nicht so richtig türkisch." Einige Familien haben ihren Töchtern sogar den Umgang mit Evrim verboten. Sie sei ein schlechter Einfluss, heißt es. "Es ist so paradox! Die meisten haben zwar eingesehen, dass auch für Mädchen ein guter Schulabschluss wichtig ist. Doch dass eine gebildete Frau oft auch emanzipiert ist, das können sie nicht akzeptieren." Evrim ist aufgebracht. Man merkt, dass sie die Anfeindungen gekränkt haben. Es gab eine Zeit, da wollte sie sich deswegen sogar komplett von ihren türkischen Wurzeln distanzieren. Tuana hingegen kokettiert unter ihren deutschen Freunden mit ihrer Herkunft. Sie erzählt auch schon mal den einen oder anderen Türkenwitz. Von ihrem türkischen Umfeld bekommt sie insgesamt positives Feedback. Die meisten brächten ihr Bewunderung entgegen und freuten sich für sie, sagt Tuana. Doch letztlich führen ihr diese Reaktionen auch nur immer wieder vor Augen, wie sehr man sie als andersartig und irgendwie besonders betrachtet. Als "so richtig deutsch" empfinden sich Evrim und Tuana dennoch nicht. Seit sie an der Uni erstmals wieder türkische Freunde gefunden haben, stellen beide fest, dass ihnen in ihren deutschen Freundeskreisen doch etwas gefehlt hat. Evrim erklärt: "Ich bin sehr froh, endlich einmal gleich gesinnte Türkinnen kennen gelernt zu haben. In bestimmten Dingen kann man sich da einfach besser austauschen als mit deutschen Freundinnen. Vor allem, wenn es um die Familie geht." Allmählich lernen sie so manches Element der türkischen Kultur ganz neu schätzen. Gerade die wichtige Rolle der Familie erleben beide grundsätzlich als etwas sehr Schönes. Dies müsse ja nicht gleich in ein übertriebenes Verständnis von Familienehre ausarten, sagen die beiden.Religion als ein Stück Identität

Tuana beschäftigt sich seit einiger Zeit sogar eingehend mit dem Islam. Sie wollte einfach mehr darüber erfahren. Durch den katholischen Religionsunterricht in der Schule wusste die Deutsch-Türkin mehr über das Christentum als über ihren eigenen Glauben. Die Eltern waren nie sonderlich religiös. "Das ist für mich auch ein bisschen Identitätsfindung", meint Tuana. Wenn sie später selbst einmal Kinder hat, möchte sie, dass diese gleich mit dem muslimischen Glauben aufwachsen. Dann lacht sie und sagt: "Einen Tannenbaum wird's an Weihnachten natürlich trotzdem geben."

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