Düstere Prognosen

BERLIN/LEIPZIG. Nach der Ausbreitung der Vogelgrippe in einem sächsischen Geflügelbetrieb streitet die Politik jetzt wieder über Impfungen

Der eingetretene Ernstfall wird kein Einzelfall bleiben - das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. In Sachsen ist das für Menschen gefährliche Vogelgrippe-Virus H5N1 erstmals auch bei Nutztieren in einem Geflügelbetrieb festgestellt worden. "Lange Zeit, möglicherweise Jahre", erneuerte gestern Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) seine düstere Prognose, werde die Seuche die Deutschen noch in Atem halten. Zumindest in dieser Frage stimmen Regierung und Opposition überein: "Wir werden viele Jahre damit leben, dass immer wieder Geflügelbestände betroffen sind", meinte auch die Grüne Bärbel Höhn, Vorsitzende des Agrarausschusses des Bundestages. Damit ist der Vorrat an Gemeinsamkeiten auch schon aufgebraucht. Ursache wohl bei Wildvögeln

Die Nachricht ereilte Seehofer am Mittwochnachmittag um 17 Uhr: Ja, ließen ihn seine Experten wissen, es handele sich bei dem auf einem Geflügelhof im sächsischen Wermsdorf festgestellten Erreger H5N1 um die gefährliche Virusvariante "Asia", die Mitte Februar schon die Insel Rügen in den Ausnahmezustand versetzte. Ein Grund mehr für den Minister, gestern schleunigst den nationalen Krisenstab von Bund und Ländern einzuberufen, um über die Konsequenzen der Besorgnis erregenden Ausbreitung der Seuche zu beraten. Eines war zu diesem Zeitpunkt schon klar: Die Infektion der Tiere in Sachsen, wo nun rund 30 000 Puten, Gänse und Hühner getötet werden müssen, "hat ihre Ursache wohl in Wildvögeln", wie Seehofer mitteilte. "Weil die Virusart mit der übereinstimmt, die wir bisher hatten", verwies der Minister auf die Ereignisse auf Rügen. Dies sei jetzt "durchaus ein ernster Vorgang". Die Gefährdungslage für den Menschen werde gleichwohl als "unverändert" eingestuft, versuchte Seehofer zu beruhigen. Fälle wie jetzt in Sachsen können sich allerdings mit dem beginnenden Vogelzug wiederholen. Verlängerung der Stallpflicht möglich

Seehofer will deshalb Ende April im Lichte der "aktuellsten Beurteilung" entscheiden, ob er die bis dahin geltende Stallpflicht für Geflügel verlängert. Mit allen negativen Konsequenzen für den Wirtschaftszweig der Freilandhaltung. Unterdessen wird heftig darüber gestritten, ob Impfungen einen sinnvollen Schutz gegen die Vogelgrippe bieten können. Bärbel Höhn ist eine eiserne Verfechterin einer solchen Maßnahme, um die Zahl von Tötungen zu reduzieren: Die Bürger würden es irgendwann nicht mehr länger hinnehmen, dass bei jeder Seuche Millionen von Tieren einfach gekeult werden müssten, befand Höhn unlängst gegenüber unserer Zeitung. Seehofer und die meisten Experten halten demgegenüber Impfungen für unsinnig. Ihre Begründung: Die derzeitigen Impfstoffe verfügen über keine Markereigenschaften, so dass geimpfte Tiere nicht zuverlässig von infizierten Tieren unterschieden werden können. Kurzum: Solche Tiere könnten dann den Erreger unbemerkt weitergeben. Der Minister hofft nun, dass "in überschaubarer Zeit" ein moderner Impfstoff die Stallpflicht und eine Keulung der Tiere überflüssig machen wird. Die Bundesregierung forciert daher mit einem 60-Millionen-Euro-Programm die Impfstoffforschung. Für Höhn ist das Problem hingegen ganz einfach zu lösen: Mit gekennzeichneten Vögeln lasse sich unterscheiden, ob sie infiziert oder geimpft seien.