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Ehrentitel in Rheinland-Pfalz - Balsam für die Seele

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Trier. Rheinland-Pfalz befördert verdiente Ärzte, Juristen und Bauern seit Jahrzehnten zu Räten: Warum eigentlich? Und warum ist die Auszeichnung so begehrt? Rolf Seydewitz

Alle zwei Jahre macht die Mainzer Staatskanzlei verdiente Rheinland-Pfälzer ganz besonders stolz: Dann ernennt Ministerpräsidentin Malu Dreyer jeweils rund ein Dutzend neue Justiz-, Ökonomie-, Sanitäts- und Veterinärräte. Voraussichtlich im Frühjahr nächsten Jahres wird es wieder so weit sein. Die Geehrten dürfen sich anschließend mit dem Titel schmücken. Sonstige Privilegien seien mit der Auszeichnung aber nicht verbunden, sagt Vize-Regierungssprecher Giuseppe Lipani.
Außer Rheinland-Pfalz verleiht nur noch das Saarland die sogenannten nichtakademischen Ehrentitel. In Baden-Württemberg gibt es ebenfalls Justizräte; dort handelt es sich allerdings um eine Amtsbezeichnung - und nicht um einen Ehrentitel.
Die Auszeichnung wird in Rheinland-Pfalz seit etwa 70 Jahren auf Vorschlag von Kammern, Kommunen oder Standesorganisationen an Frauen und Männer vergeben, die sich um ihren Berufsstand besonders verdient gemacht haben, wie es offiziell heißt. Dabei spielten auch das Lebensalter, die Dauer der beruflichen Tätigkeit und das Ansehen des Betreffenden unter Kollegen und in der Bevölkerung eine Rolle, erläutert die Mainzer Staatskanzlei und fügt hinzu: "Politische Überlegungen spielen dabei keine Rolle."
Ein bisschen womöglich aber schon: So wurde beispielsweise vor drei Jahren mit dem Bioland-Landesvorsitzenden Manfred Nafziger erstmals ein rheinland-pfälzischer Biobauer mit dem Titel Ökonomierat ausgezeichnet. Damals war die Grüne Ulrike Höfken Landwirtschaftsministerin.
Im selben Jahr wurde übrigens auch die ehemalige CDU-Europaabgeordnete Christa Klaß (Osann-Monzel) zur Ökonomierätin ernannt, die lange Jahre auch im Bauernverband und in der Landwirtschaftskammer aktiv war. Fast schon Ehrensache ist der Ehrentitel für einen Bauernpräsidenten wie den 2007 verstorbenen langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten Günther Schartz oder seinen Nachfolger Leo Blum. Wird der heute 71-jährige Blum auf seinen Titel Ökonomierat angesprochen, antwortet er schon mal scherzhaft: "Das Tollste daran ist, dass ich dafür zusätzlich 2500 Euro Pension im Monat bekomme." Gleich darauf fügt Blum aber hinzu, dass das Land mit der Auszeichnung verdiente Persönlichkeiten ehren könne, ohne dass es etwas koste. Dennoch: Auch wenn der ehemalige Bauernpräsident den Titel Ökonomierat nicht vor sich herträgt wie eine Monstranz, stolz darauf ist Leo Blum nach eigenen Angaben schon: "Das ist schon eine schöne Anerkennung für das, was man geleistet hat", sagt er.
Ähnlich äußert sich auch der Bitburger Chirurg Dr. Horst Werner, der sich seit 2008 Sanitätsrat nennen darf. "Das ist eine schöne Anerkennung für diejenigen, die deutlich mehr machen als verlangt wird", sagt der 77-jährige Mediziner, der jahrlang nebenbei ehrenamtlich als Notarzt, Rallye-Doktor, medizinischer Betreuer der Feuerwehr-Taucherstaffel oder der Behindertensportgruppe aktiv war. Werner hat den Ehrentitel auch auf das Praxisschild und seine Visitenkarten drucken lassen. "Ich bin schon stolz auf den Sanitätsrat", sagt er.
Dieser Ansicht ist auch der Trie rer Rechtsanwalt Roderich Schmitz, auch wenn der Justizrat nicht von Stolz spricht, sondern von Genugtuung: "Das ist Balsam für die Seele." Der Ehrentitel sei ein Zeichen dafür, dass sich der Ausgezeichnete "nicht nur fürs Geldverdienen interessiert hat", sagt der 73-jährige Jurist, der fast zwei Jahrzehnte lang an der Spitze des Trie-rer Anwaltsvereins stand, Studierende prüfte oder Rechtsanwaltsfachangestellte beriet.
Auf die Frage, ob die Ehrentitel beibehalten oder eher abgeschafft gehörten, ist Roderich Schmitz der gleichen Meinung wie auch Sanitätsrat Werner oder Ökonomierat Blum: Da ehrenamtliches Engagement ja gefördert werden solle, gehe eine solche Auszeichnung schon in Ordnung.
Dieser Meinung ist auch die Mainzer Landesregierung. Da ein solches außergewöhnliches Engagement im berufsständischen Bereich mit keiner anderen Auszeichnung auf Landes- oder Bundesebene geehrt werde, wird es in Rheinland-Pfalz auch in Zukunft weiter Räte geben.Extra: ÜBER 200 RÄTE IN 30 JAHREN


In den letzten 30 Jahren wurden in Rheinland-Pfalz 101 Justizräte ernannt, 59 Sanitätsräte, 42 Ökonomieräte und fünf Veterinärräte. Wie viele Frauen und Männer aktuell einen Ehrentitel tragen, weiß die Staatskanzlei nicht.