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Eiertanz um den Linken-Vorsitz

Eiertanz um den Linken-Vorsitz

Es geht abwärts mit der Linken im Westen. Das mickrige Wahlergebnis von 2,5 Prozent der Stimmen in Nordrhein-Westfalen sagt alles. Und nun eskaliert auch noch der Machtkampf um die Parteiführung.

Berlin. Als Erklärungsmuster für das jüngste Wahldesaster bemühte Parteichef Klaus Ernst einmal mehr die schon länger andauernde quälende Selbstbeschäftigung seiner Partei. Doch die dürfte jetzt erst so richtig beginnen. So oft Ernst den Wunsch nach einer "kooperativen Führung" formulierte, so weit sind die Linken nämlich davon entfernt.
Zunächst beriet gestern der Vorstand über das Machtvakuum, bevor am Nachmittag die Landesvorsitzenden zu einer Krisensitzung zusammenkamen. An ihrem Treffen sollte eigentlich auch Ex-Parteichef Oskar Lafontaine teilnehmen. Doch der Saarländer zog es vor, sich sybillinisch aus der Ferne zu äußern: Er sei grundsätzlich bereit, für den Parteivorsitz zu kandidieren, "aber die Arbeitsbedingungen müssen stimmen".
Viele Genossen, vor allem im Realo-Flügel, sind diese ewige Taktiererei leid. Er hätte sich von Lafontaine bereits nach der Landtagswahl im Saarland Ende März eine klare Ansage erhofft, sagte Thüringens Linksfraktions-chef Bodo Ramelow. "Da wäre viel Druck aus dem Kessel genommen worden". Wohl wahr. Seit zwei Jahren weiß die Linke, dass Anfang Juni die Wahl einer neuen Parteispitze ansteht. Aber außer dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch hat sich noch keiner klar und deutlich erklärt, für einen der beiden Chefposten zu kandidieren. "Mein Angebot steht", sagte Bartsch auch gestern wieder. Hinzu kam eine offene Kampfansage: Unter Lafontaine als Partei-Vize zu arbeiten, "kann ich mir nicht vorstellen".
Lafontaine und Bartsch sind sich spinnefeind, nachdem der Saarländer den Ober-Realo aus dem Osten wegen angeblicher Indiskretionen vor zwei Jahren aus dem Geschäftsführeramt gedrängt hatte. Der praktisch einflusslose Partei-Vize-Posten für Bartsch soll eine von mehreren Bedingungen sein, unter denen sich Lafontaine ein Comeback an der Linken-Spitze vorstellen kann. Dem Vernehmen nach gehört dazu auch, dass Lafontaines Freundin Sahra Wagenkencht vom radikal-linken Parteiflügel Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion werden soll, was der derzeit alleinige Chef Gregor Gysi aber vehement ablehnt.
Der Berliner Linken-Chef Klaus Lederer warf Lafontaine gestern "Erpressungsversuche" vor, die völlig inakzeptabel seien. Mit Verärgerung wurde bei den ostdeutschen Reformern auch registriert, dass Lafontaine in einem Radio-Interview seinen möglichen Parteivorsitz damit verknüpft hatte, dann auch gleichzeitig Spitzenkandidat für die nächste Bundestagswahl sein zu wollen. Dabei funktioniert der ganze Konflikt nicht nur nach dem gängigen Ost-West-Schema.
Skepsis auch im Westen



Auch in den alten Ländern sehen manche Genossen ein Comeback Lafontaines inzwischen mit Skepsis. NRW-Frontfrau Schwabedissen hatte schon vor einigen Tagen erklärt, sie würde lieber zwei junge Leute an der Parteispitze haben. Und gestern wurde auch ein Aufruf aus Niedersachsen bekannt, in dem 15 Funktionsträger aus dem Landtag sowie aus mehreren Kreisverbänden offen für Bartsch Partei ergriffen. Dagegen warb der amtierende Parteichef Ernst gestern vehement für Lafontaine. Ob der Saarländer zu einer Kampfkandidatur gegen Bartsch bereit ist, soll heute auf einer Gremien-Sitzung in Berlin geklärt werden. Lafontaine hat diesmal sein Kommen zugesagt. Es wird turbulent werden.