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Ein bisschen Beschiss

Nicht alles, was "Transparency International" über die Korruption im Gesundheitswesen aussagt, wirkt hundertprozentig belegt. Wer hier zu Lande mit dem Vorwurf der Vetternwirtschaft um sich wirft, braucht meistens keine genauen Beweise.

Man glaubt ihm auch so allzu gern. Es empfiehlt sich also, differenziert hinzusehen, bevor man einen ganzen Sektor unter Generalverdacht stellt. Ärzte sind nicht korrupter als andere Berufsstände, Pharmafirmen nicht betrügerischer als andere Industriezweige. Klar, es gibt echte Kriminelle, wie überall. Aber das sind Einzelfälle. Die Akteure im Gesundheitswesen sind Bestandteil der Gesellschaft, entsprechend ist ihre Moral. Im Guten wie im Schlechten. Das ist nun aber leider keine beruhigende Erkenntnis. Denn es ist nicht die systematische Kriminalität, die den meisten Schaden anrichtet, sondern die kleine Gaunerei zwischendurch. Der Doktor, der seinen Golfkurs vom Arzneimittelhersteller finanzieren lässt und im Gegenzug dessen Präparate bevorzugt. Aber genauso der Häuslebauer, der 80 Prozent am Bau schwarz machen lässt. Oder der Autofahrer, der beim Unfall der gegnerischen Versicherung auch noch die Beule auf die Rechnung setzen lässt, die er neulich beim Einparken selbst produziert hat. Oder der Steuerverkürzer, der sich einen Sport daraus macht, windige Belege zusammenzuklauben. Sie alle haben gemeinsam, dass ihnen das Unrechtsbewusstsein fehlt. Ein bisschen Beschiss wird ja noch sein dürfen. Dass die Gesellschaft dabei mehrstellige Milliardensummen einbüßt, die sie dringend bräuchte, kümmert keinen. Das im Gesundheitswesen anzuklagen, ist richtig. Es anderswo zu übersehen, wäre falsch. d.lintz@volksfreund.de