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Ein bisschen Boateng und noch mehr Brisanz

Ein bisschen Boateng und noch mehr Brisanz

Während die rheinland-pfälzische AfD sich als Einheit lobt, ist die Partei in Baden-Württemberg gespalten. Deren Fraktionschef JörgMeuthen beschwor beim Landesparteitag in Bingen nun den Zusammenhalt - und sprach über die inhaltliche Ausrichtung.

Bingen. Das Fußballtrikot von Jérôme Boateng sticht ins Auge. Ferdinand Weber trägt das Deutschland-Dress mit der Nummer 17 offen in der prallen Sonne. Er ist Boateng-Fan. Und als AfD-Mitglied in Bingen zu Gast beim Landesparteitag.
Das Trikot ausgerechnet dort zu tragen, erscheint pikant. Hat doch der Partei-Vize Alexander Gauland noch vor der Europameisterschaft der FAZ gesagt, die Leute fänden Boateng als Fußballer gut, als Nachbarn wollten sie ihn aber nicht haben. Weber will seine Klamottenwahl nicht als Spitze gegen Gauland verstanden wissen. Das Gespräch schneidet er zur Sicherheit mit einem Diktiergerät mit. Boateng sei sein Lieblingsspieler. Und Gauland zum Rassisten zu machen, sei verblödet. "Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich gerne Gauland und Boateng zum Nachbarn haben", sagt Weber. Boateng und Gauland, es ist einer von vielen Konflikten, der die Partei zuletzt in die Schlagzeilen gebracht hat. Wie es um die Atmosphäre in der AfD deutschlandweit bestellt ist, das ist ein Thema, das in Bingen nicht zu umschiffen ist. Während die Rheinland-Pfälzer ihre Einheit beschwören, ärgern sie sich über den Konflikt in Baden-Württemberg. In Stuttgart streitet sich die Fraktion darum, ob der Abgeordnete Wolfgang Gedeon wegen antisemitischer Aussagen aus der Fraktion ausgeschlossen werden soll. Seine Gegner spalteten sich in dieser Woche ab.
Darunter der Fraktionschef Jörg Meuthen. Er redet in Bingen - und ist nicht unumstritten. Als sein Besuch angekündigt wird, hallen einige Buh-Rufe durch den Raum. Uwe Junge schreitet ein. Der rheinland-pfälzische AfD-Chef greift sich vor der Mittagspause das Mikrofon und bittet darum, Meuthen später in Ruhe sprechen zu lassen.
Als der Bundesvorsitzende der Partei auftaucht, weist er einen Machtkampf mit der Co-Chefin Frauke Petry von sich. "Wir werden zum Wohle der Partei zusammenarbeiten", betont Meuthen, der kein Interesse habe, sich für die Bundestagswahl 2017 als Spitzenkandidat der Partei zu bewerben. Sein Vorgehen in Baden-Württemberg verteidigt er. "Wir sind eine Partei, die null Toleranz für Extremismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus hat." Die meisten Mitglieder in Bingen klatschen bei den Worten - einige verschränken aber auch ihre Arme. Uwe Junge sagt, Meuthen habe "uns aus der Seele gesprochen". Der rheinland-pfälzische AfD-Chef fordert zugleich, dass sich die Parteiführung zusammenreißen soll. Der Trierer Landtagsabgeordnete Michael Frisch meint: "Das Projekt AfD ist viel zu wichtig, um es an persönlichen Streitigkeiten scheitern zu lassen."
Wie das Projekt AfD sich inhaltlich gestalten soll, darüber spricht Meuthen auch in Bingen. Der weltoffene Patriotismus brauche wieder eine Stimme gegen den roten 68er-Mainstream, sagt er. Die Leitkultur sei christlich-abendländisch, nicht der Islam. Draußen demonstrieren derweil die Gegner. "AfD, Rassistenpack, wir haben euch zum Kotzen satt", singen sie. Auf dem Weinberg über dem Tagungshotel steht in weißen Buchstaben auf einer Mauer: "Nationalismus ist keine Alternative." Uwe Junge entgegnet: "Das stimmt. Aber sehr wohl ist Nationalismus zu unterscheiden von einem gesunden, dem eigenen Volk entsprechenden Patriotismus."Extra

Den Antrag, im rheinland-pfälzischen AfD-Vorstand eine Doppelspitze einzuführen, wurde zurückgezogen. Uwe Junge sprach sich gegen das Modell aus, das im Bund besteht. "Überall, wo dieses Experiment versucht wurde, ist der Konflikt im Kern angelegt." Neu im Landesvorstand sitzen Mario Hau (Trier) und Wolfgang Kräher (Bad Dürkheim). flor/dpaExtra

Das Bundesamt für Verfassungsschutz und mehrere Landesämter prüfen laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ob die AfD oder einzelne ihrer Strömungen Beobachtungsobjekt werden sollen. In einer aktuellen bundesweiten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid liegt die AfD bei zehn Prozent - ihr niedrigster Wert seit Januar.dpa/flor