Ein bisschen Ehrfurcht

BERLIN. Angela Merkel atmete gestern tief durch: 112 Ja-Stimmen, dreimal Nein, eine Enthaltung, mit solch einer enormen Zustimmung auf dem "kleinen Parteitag" der Union zum Koalitionsvertrag mit der SPD hatte auch die CDU-Vorsitzende nicht gerechnet.

Sichtlich erleichtert bedankte sich Merkel für die Debatte. Ihre Appelle hatten also doch gefruchtet. "Diese Koalition hat eine Chance verdient, bevor ein Urteil über sie gefällt wird", hatte sie vor der Abstimmung gerufen und um ein "kleines bisschen Ehrfurcht" vor denen gebeten, die stundenlang überlegt hätten, "wie sie Deutschland nach vorne bringen wollen".Das gestrige Votum stärkt der Ostdeutschen auf dem Weg ins Kanzleramt nun deutlich den Rücken. Einige der 116 Delegierten sprachen sich allerdings nur zähneknirschend für das 130 Seiten umfassende Werk aus, wie die zweistündige Diskussion aufzeigte.

Wer aber geglaubt hatte, der Koalitionsvertrag, der Sprung ins Bett mit der vor wenigen Wochen im Wahlkampf noch verdammten SPD, würde Leidenschaft und hitzige Kontroversen im Konrad-Adenauer-Haus entfachen, der sah sich getäuscht: Fast schon geschäftsmäßig wickelte die CDU ihr Ja zur ungeliebten großen Koalition mit den Genossen ab - obwohl im Vorfeld des Parteitags die Unzufriedenheit mit dem Vertrag der schwarzen und roten Partner unüberhörbar gewesen war.

Kritik und Zustimmung halten sich die Waage

Insgesamt hielten sich Kritik und Zustimmung weitgehend die Waage. Mit einem Aufstand konnte man ja ohnehin nicht rechnen: Die Rückkehr zur Macht nach sieben Jahren Opposition, auch wenn man sie mit den Genossen teilen müsse, habe in der CDU zu der Einsicht geführt, "man muss nach dem Verstand und dem Kopf entscheiden, nicht mit dem Herzen", formulierte der stellvertretende Vorsitzende Christoph Böhr gegenüber unserer Zeitung. Und sowieso war der kleine Parteitag nicht ein Forum einer womöglich aufmüpfigen und widerspenstigen Basis, sondern der mittleren und gehobenen Funktionsträger. Und unter denen gibt es viele, die noch auf das ein oder andere Regierungspöstchen schielen.

Also ging es für die künftige Kanzlerin Merkel nur um die Frage, wie groß die Quote der Ja-Sager werden würde. Vor allem auf einen, der in der Vergangenheit immer als einer ihrer ärgsten Widersacher bezeichnet wurde, konnte sich die CDU-Chefin wie schon während der Koalitionsverhandlungen erneut verlassen: Roland Koch.

Der hessische Ministerpräsident hielt wohl die energischste Rede für die große Koalition und bekam mehr Beifall als jeder andere. "Wir haben einen Auftrag, aufzuhören zu leiden", spielte er auf das miserable Wahlergebnis der Union bei der Bundestagswahl an, "und anzufangen zu arbeiten." Die CDU könne nicht ein Programm zum Patriotismus verabschieden, um sich dann in die "Büsche zu schlagen, damit das Chaos größer wird", warb er eindringlich und erfolgreich für Zustimmung zum Koalitionsvertrag.

Schon seit Längerem findet Merkel Koch an ihrer Seite, weshalb sein Standing in der gesamten Partei noch nie so gut gewesen ist. Doch Koch tut nichts uneigennützig, irgendwann wird die designierte Kanzlerin dafür Tribut zollen müssen, wie im Konrad-Adenauer-Haus am Montag nach seiner flammenden Rede bereits geunkt wurde.

Nicht alle rühren die Werbetrommel

Es gab sie, die kritischen Stimmen unter den rund 20 Wortmeldungen. Vor allem die zweite Reihe wollte sich nicht beteiligen am bestellten Rühren der Werbetrommel durch "Merkelianer". So bemängelte der Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung, Josef Schlarmann, zwei "Webfehler" im Vertrag: Die Steuererhöhungen und zu wenige Reformen am Arbeitsmarkt. Der nordrhein-westfälische Delegierte Lothar Hegemann gab ein Stimmungsbild von der Basis: Dort gäre es, vor allem, wenn der Name des CSU-Chefs Edmund Stoiber falle. Und man frage sich, warum man bestimmte Inhalte im Wahlkampf überhaupt vertreten habe.

Philip Missfelder, Chef der Jungen Union, sprach zudem von "großen Bauchschmerzen", die er mit der Vereinbarung habe. Dazu passt übrigens, dass die Delegierten an ihren Plätzen eine kleine Dose mit "Berliner Murmeln" fanden. Bunte, eigentlich süße Bonbons, die man symbolisch aber auch für die bitteren Pillen halten konnte, die viele der Delegierten gestern insgeheim schluckten.