Ein folgenschwerer Fehler

Eine wichtigere Rede hat Benjamin Netanjahu wahrscheinlich noch nie gehalten. Wie eine Kassandra wird der israelische Premier am Dienstag vor dem iranischen Atomprogramm warnen.

Zumindest zwischen den Zeilen wird er Barack Obama vorwerfen, gefährlich blauäugig zu sein, wenn er glaubt, dass Teheran seine geheimen Bombenpläne aufgibt. Das Abkommen, das der amerikanische Präsident mit den Iranern anpeilt - für Netanjahu ist es ein folgenschwerer Fehler. Damit wiederholt er nur, was er schon lange sagt. Und dennoch droht sein Auftritt vorm US-Kongress die Beziehung Israels zu seiner Schutzmacht auf eine Zerreißprobe zu stellen, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gab.
Netanjahu lässt sich von John Boehner einladen, dem konservativen Speaker des Repräsentantenhauses. Das Weiße Haus wusste anfangs nichts von den Absprachen, weshalb es dem Gast in demonstrativer Verstimmung die kalte Schulter zeigt. Obama verweigert ihm ein Treffen, sein Vize Joe Biden reist kurzfristig nach Uruguay, während Außenminister John Kerry in der Schweiz mit den Iranern verhandelt. Netanjahu wiederum setzt voll und ganz auf die Republikaner, einerseits, um die große Washingtoner Bühne zwei Wochen vor der Wahl im eigenen Land für ein Kampagnen-Highlight zu nutzen, anderseits, um Obama Nachhilfe in puncto Weltpolitik zu geben.
Mehr Porzellan kann man kaum zerschlagen in einem Verhältnis, das traditionell davon lebt, dass beide Parteien, Demokraten wie Republikaner, die Freundschaft zu Israel hegen und pflegen.
Sicher, es ist nicht das erste Mal, dass es kriselt. George Bush senior etwa legte 1991 Kreditbürgschaften auf Eis, um Yitzhak Schamir zum Siedlungsstopp zu zwingen. Und dass die Chemie zwischen Barack und "Bibi" nicht stimmt, ist längst kein Geheimnis mehr. Doch es wäre falsch, den Streit auf eine Art persönliche Beziehungskrise zu reduzieren. In Wahrheit geht es um tiefe Differenzen in der Substanz.
Obama will akzeptieren, dass der Iran im Fall einer Einigung Zentrifugen zur Urananreicherung behält, rund 6500 nach aktuellem Verhandlungsstand. Er will das iranische Atomprogramm einfrieren, es gründlichen Kontrollen unterwerfen, in der stillen Hoffnung, dass die Hartleibigen unter den Ajatollahs in zehn, 15 Jahren abgelöst werden von amerikafreundlicheren Kräften, zumal dann, wenn Amerika die Hand ausstreckt - und sich der Rest dann praktisch von selber erledigt. Mehr sei diplomatisch nicht zu erreichen, argumentiert er, und es sei allemal besser als die Alternative, ein Militärschlag, der die atomare Infrastruktur gewiss nicht komplett zerstören und den Iran wohl erst recht anstacheln würde, an der Bombe zu basteln. Netanjahu dagegen spricht von naivem Wunschdenken: Wer Teheran nicht resolut zur Null-Lösung zwinge, nehme ein zu hohes Risiko in Kauf. Es ist der klassische Konflikt zwischen Realpolitik und Maximalpositionen.
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