Ein Großer, kein Unbekannter

Ein großer, bewegender Moment für die katholische Kirche, ein Augenblick breiter Anteilnahme gläubiger und nicht gläubiger Menschen in aller Welt und ein gewaltiges, unglaubliches Erlebnis für die deutschen Katholiken: Mit Joseph Ratzinger lenkt zum ersten Mal seit 450 Jahren wieder ein deutscher Papst die Geschicke der katholischen Kirche.

Die Wahl ist nicht in jeder, aber in mancherlei Hinsicht eine Überraschung. Zum einen haben die Kardinäle sich nach dem Tod des großen Papstes Johannes Paul II. in Rekordzeit auf einen Nachfolger verständigt. Die Wahl ist insofern eine beeindruckende Demonstration von Einheit und Geschlossenheit. Allen Spekulationen der vergangenen Tage um einen angeblichen Widerstreit zwischen einem erzkonservativen und einem liberalen "Lager" unter den Kardinälen ist damit denkbar eindeutig begegnet worden. Wenn Ratzinger in dieser Kürze der Zeit eine Zweidrittelmehrheit erreicht hat, dann muss die Zustimmung von Anfang an außerordentlich hoch gewesen sein. Mit einer solchen Einigkeit hatte niemand gerechnet, und dieses Signal dürfte seine Wirkung nach außen und in die Kirche hinein nicht verfehlen. Noch ehe der neue Papst den Mund zum Sprechen aufgetan hat, ist der Wahlverlauf als klare Bestätigung der Linie von Johannes Paul II. zu sehen: Es geht in einer Zeit des Werteverlusts und der Verunsicherung um kirchliche Einheit und Kontinuität. Für diesen Auftrag hätten die Kardinäle niemand besseren finden können als Joseph Ratzinger. In Italien ist Ratzinger bereits vor dem Konklave mit großem Zuspruch und Begeisterung bedacht worden. In Deutschland selbst wird es dazu wohl noch eine Weile brauchen - allzu tief ist der Name Ratzinger in die Schublade des Konservativen geschoben worden, vielfach zu Unrecht. Ratzinger ist unbestritten einer der großen, führenden Theologen der Gegenwart, mit den Herausforderungen des Papstamts vertraut wie kein anderer und eine souveräne Gestalt. Nun wird man in aller Welt gespannt sein, welche Akzente der neue Papst setzt. Ein erster ist die Wahl des Namens, der zu Ratzingers bisherigem Erscheinungsbild passt und Programm sein dürfte. Es wird im Pontifikat Benedikt XVI. um eine Rückbesinnung auf den Kern und den Geist der christlichen Botschaft gehen - Anbiederung an Welt und Moderne ausgeschlossen. m.pfeil@volksfreund.de