Ein Hort der Beständigkeit

Keine Experimente! Konrad Adenauer verewigte diesen bekanntesten deutschen Wahlslogan im Bundestagswahlkampf 1957 auf Plakaten. Der Kanzler fuhr damit den größten Triumph aller Zeiten für die Christdemokraten ein. Der Spruch ist längst Geschichte, aber er kennzeichnet das Land Rheinland-Pfalz in den 65 Jahren seines Bestehens wohl wie kein zweiter.

Mainz. Geboren am 18. Mai 1947 als Retortenbaby, hat sich das Land zu einem rüstigen Senior entwickelt. Von Ruhestand keine Spur. Die Arbeitslosenquote kann sich im nationalen Vergleich sehen lassen, die stark exportgeprägte Wirtschaft boomt.
Die Politik bastelt unverdrossen daran, das Land zu einem Vorreiter bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu machen. Die Kinderbetreuungsquote steigt, Kinder besuchen die Kita kostenlos, Ganztagsschulen schießen wie Pilze aus dem Boden, Studenten zahlen für ihre Ausbildung keine Gebühren mehr.
Keine Experimente! Rheinland-Pfalz verdankt seine gute Position zu einem großen Teil den seit Jahrzehnten stabilen politischen Verhältnissen. Seine Bewohner halten den führenden Politikern die Treue. Wer es an die Spitze geschafft hat, darf sich dort sehr lange sonnen. In der ewigen Rangliste der dienstältesten Ministerpräsidenten in Deutschland belegen drei Rheinland-Pfälzer vordere Plätze.
Bernhard Vogel führt die Liste an. Er amtierte 23 Jahre lang, von 1976 bis 1988 in Rheinland-Pfalz und von 1992 bis 2003 in Thüringen. Peter Altmeier, erster Regierungschef des Landes, regierte von 1947 bis 1969.
Sozialdemokrat Kurt Beck ist seit 1994 und damit auch schon 18 Jahre lang an der Macht. Für viele Rheinland-Pfälzer ist er allgegenwärtig, begleitet er sie doch seit ihrer Geburt bis zum Erwachsenwerden. Sie kennen gar keinen anderen Regierungschef als den bärtigen Pfälzer. Sollte Beck bis zum Ende der Wahlperiode durchhalten, was nach Lage der Dinge unwahrscheinlich ist, hätte er alle anderen Ministerpräsidenten überholt.
Keine Experimente! Ob in der Eifel, an der Mosel, im Hunsrück, in der Pfalz, im Westerwald oder in Rheinhessen: Rheinland-Pfalz darf mit Fug und Recht als Hort der Beständigkeit gelten. Ortsbürgermeister, die für drei oder vier Jahrzehnte die Geschicke ihres Dorfes prägen, sind keine Seltenheit. Auch Verbandsbürgermeister und Landräte wirken oft über Dekaden hinweg.
Keine Experimente! Nur vier Parteien haben seit 1947 den Einzug in den Landtag geschafft. Bis 1991 war die CDU im strukturell eher ländlich/kleinstädtisch und konservativ geprägten Bundesland die dominierende Kraft. Sie regierte von 1971 bis 1987 mit absoluter Mehrheit. Ein Kunststück, das ihr die SPD von 2006 bis 2011 nachmachte. Außer den beiden großen Parteien mischten nur die FDP und die Grünen mit. Weder Linke oder Freie Wähler noch sonstige Gruppierungen haben auf Landesebene einen Fuß auf den Boden bekommen.
Keine Experimente! Selbst der vergangenes Jahr erstmals in der Landesgeschichte gestarteten rot-grünen Koalition kann man das Etikett Experiment nicht verpassen. Über ihre politischen Maßnahmen und Ziele kann man streiten, aber ihre Zusammenarbeit verläuft vertrauensvoll, und kein Partnergezänk trübt den Horizont dieser Polit-Ehe.
Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der Republik, hätte vermutlich seine Freude daran gehabt, hätte er erlebt, wie sich ein Bundesland im Sinne seines Wahlslogans von 1957 entwickelt. Einer seiner Nachfolger übrigens auch. Er ist, wen wundert\'s, Rheinland-Pfälzer, heißt Helmut Kohl und prägte Deutschland politisch 16 Jahre lang.