Ein Mutmacher gibt Auskunft

BERLIN. Marketing muss sein, und schließlich sollen ja möglichst viele Bürger ihr neues Staatsoberhaupt besser kennen lernen. Horst Köhler, designierter Bundespräsident, stellte am Dienstag sein Buch vor.

Horst Köhler sitzt im Foyer der Dresdner Bank am Brandenburger Tor und wirkt verschnupft. Mehrfach putzt er sich die Nase und schaut leicht kritisch auf die Journalisten, die ihn einvernehmen wollen. Der künftige Bundespräsident, der den Amtseid noch nicht geleistet hat, weiß um die Gratwanderung, die jetzt auf ihn wartet. Aber er hat eben zugesagt, bei der Vorstellung des Interviews in Buchform, das der Publizist Hugo Müller-Vogg mit ihm geführt hat, Rede und Anwort zu stehen. "Offen will ich sein - und notfalls unbequem", so der Titel des 220-Seiten-Werks aus dem Hause Hoffmann und Campe. Für politisch Interessierte ist diese Aussage zwar keine Offenbarung, hat Köhler doch bei seinem Vorstellungs-Tourismus im Vorfeld der Wahl hinreichend Informationen über seine Person, seine Laufbahn und seine Überzeugungen preisgegeben. Köhler, vorgestellt als "Ökonom mit Herz" und "Freund klarer Worte", hat nach eigener Aussage "noch kein fertiges Konzept, wie ich mich (als Präsident) organisiere". Fest stehe allerdings, dass seine Amtszeit "kein Egotrip" werden soll, dass er sich vielmehr "kümmern" will, dass er "Sachverstand und Intelligenz zusammenführen" will mit dem Ziel, auf wichtige Fragen Einfluss zu nehmen. Dabei plant er auch, "das Medium Fernsehen stärker zu nutzen". Auf jeden Fall bekomme die Nation einen Präsidenten, "der die Medien und die Öffentlichkeit nicht scheut". Zu diesem Zeitpunkt scheut Köhler auch keine Fragen mehr, er hat die Veranstaltung nach der anfänglichen Skepsis angenommen und scheint den Disput mit den Korrespondenten zu genießen. Der 61-Jährige strahlt jetzt auch nicht mehr so überglücklich wie ein Lottogewinner, sondern vermittelt den Eindruck, dass er den staatsmännischen Auftritt schon mal übt. Besonders ausführlich antwortet er auf Fragen, die ein Terrain berühren, auf dem er sich auskennt. Deutschland kann eine Menge vom Ausland lernen, sagt er unter Hinweis auf seine Tätigkeit als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zum Beispiel den Optimismus der Amerikaner, die eher bereit seien, notwendige Veränderungen zu akzeptieren. Deshalb möchte er als Präsident auch "ermuntern und ermutigen, aber nicht Pessimismus streuen". Spontan will er sein, sich einmischen und an Diskussionen beteiligen. Zupass komme ihm dabei sein Status als Seiteneinsteiger, sagt er selbstbewusst. Dass er kein Berufspolitiker sei, wie alle seine Vorgänger, könne als Pluspunkt gewertet werden, etwa in Sachen Glaubwürdigkeit. Gleichsam um dies zu demonstrieren, gibt er, damals unter Kanzler Kohl Finanzstaatssekretär, selbstkritisch zu, dass bei der Wiedervereinigung Deutschlands "Fehler in der Geschwindigkeit des Prozesses gemacht wurden". Dem Exkanzler, dem er freundschaftlich verbunden ist, muss er übrigens - zwangsläufig - die Leviten lesen. Gefragt, wie er das Ehrenwort Kohls in der Spendenaffäre bewerte, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die erwartete Antwort zu geben: "Niemand steht über dem Gesetz". Die Strukturprobleme seien seit drei Jahrzehnten nicht ernsthaft angepackt worden. Die Agenda der jetzigen Regierung: richtig, aber zu spät. Der Reformbedarf in Deutschland sei enorm, sagt Mahner Köhler, ohne die versprochene Zuversicht zu vergessen: "Aber unsere Probleme sind lösbar".

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