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"Ein netter, fröhlicher Mensch"

"Ein netter, fröhlicher Mensch"

BLEIALF. Eine Nachricht, die das dörfliche Idyll mit einem Mal brutal zunichte macht: Nachdem ein 30-jähriger Mann in Bleialf seine beiden Söhne und sich selbst getötet hat, steht die Schneifelgemeinde unter Schock.

Der 1100 Einwohner-Ort Bleialf am Sonntagmittag. Zunächst deutet in der behaglichen Umgebung nichts darauf hin, dass sich dort wenige Stunden zuvor eine an Grausamkeit wohl kaum zu übertreffende Familientragödie abgespielt hat. Die Land-Idylle scheint unberührt: Auf einem kleinen Parkplatz am Rande der Landesstraße 17 zwischen dem Feriendorf Brandscheid und der Gemeinde Buchet hat ein Niederländer seinen Klappstuhl positioniert und liest Zeitung. Nur wenige hundert Meter weiter macht eine Familie aus Nordrhein-Westfalen Picknick. Auch im Ort selbst gibt es kein Anzeichen dafür, dass durch die Ereignisse der vergangenen Nacht Bleialf wie aus dem Nichts bundesweit in die Schlagzeilen geraten ist. Im Gegenteil: Großflächige Plakate kündigen das nächste Dorfereignis, die "Bleialfer Nacht", an, während die Pfarrkirche, von den vielen Gläubigen respektvoll Schneifeldom genannt, stolz in gleißender Sonne verharrt. Ein Dorf verliert den Rhythmus

Nur "Auf Haustert", einer kleinen Seitenstraße inmitten eines gepflegten Wohngebiets, fahren an diesem Sonntag mehr Autos als üblich umher. Denn nachdem sich die dramatischen Ereignisse der vergangenen Nacht herumgesprochen haben, möchten ein paar Schaulustige einen Blick auf das Anwesen werfen, wo der 30-jährige Familienvater seine beiden Söhne (ein und drei Jahre alt) erhängte und sich danach selbst auf gleiche Weise richtete. Für Aufsehen sorgen an diesem Mittag gleichwohl weniger die Bürger und Passanten, sondern einige Reporter und Kamera-Teams, die auf Stimmenfang sind - letztes Indiz dafür, dass das Schneifeldorf an diesem Tag sehr wohl aus dem vertrauten Rhythmus gerissen ist. Zu den Bleialfern, die bereit sind, etwas zu sagen, gehört Clemens Tautges: "Wir waren gute Zaun-Nachbarn. Wir haben uns an unseren Grundstücksgrenzen unterhalten. Gestern fütterten die beiden Kinder noch meine Ziegen", weiß er zu berichten. "Keine Spur von Depressionen"

Als einen weniger kontaktfreudigen Menschen beschreibt Herbert Eichten den 30-jährigen Familienvater. Aber dennoch: "Ich kenne die gesamte Familie nur als nette Leute", betont er. Dem pflichten Dieter und Thekla Geibel bei: Als einen "sehr netten, fröhlichen und freundlichen Mann", schildern sie den Hausmann und früheren Kraftfahrzeugmechaniker. Zwei Mal pro Woche sei er ins Geschäft gekommen, meist mit dem Fahrrad, die Kinder im Zweirad-Anhänger. "Keine Spur von Depressionen, immer gut gelaunt." Dass der Vater die Tat aufgrund von Beziehungsproblemen vollstreckte, klingt derweil nicht nur in der ersten, vorsichtigen Beantwortung der Motivfrage durch die Experten der Kriminalpolizei durch. Übereinstimmend wussten am Sonntag etliche Bleialfer, dass die 24-jährige Ehefrau und Mutter in Kürze in eine andere Wohnung ziehen wollte. Der als "sensibel" beschriebene Ehemann habe davon gewusst und die Situation nicht verkraften können, hieß es. Dies wiederum ruft auf erschreckende Weise Parallelen zu einer Tat hervor, die sich am 25. November vergangenen Jahres auf der A 60-Brücke bei Wilsecker(ebenfalls Kreis Bitburg-Prüm) ereignete. Damals stürzte sich ein 35-jähriger Familienvater aus Schönecken mit seinen beiden Söhnen (fünf und zwei Jahre alt) 50 Meter in die Tiefe. Niemand von ihnen überlebte. Auch damals lautete das Motiv: Beziehungsprobleme. Monatelang sorgte die Tragödie - nicht zuletzt auf Grund des gnadenlosen Ausschlachtens von halbwahren Hintergründen in boulevardesk angehauchten Medien - für Mutmaßungen, Aufregung und Missstimmung in Schönecken. Nach dem neuerlichen Drama bleibt den Angehörigen und Bürgern in Bleialf diese Erfahrung hoffentlich erspart. Verdrängen können sie das Geschehene nicht. Vergessen schon gar nicht. Was bleibt, ist die Tatsache, dass der 13. Juli 2003 als einer der traurigsten Tage in der Geschichte des Orts Einzug halten wird. Bleialf hält in diesen Tagen - völlig unvermittelt - inne.