Einblicke ins Single-Leben

Freiwillig wird kaum jemand zum Single, sagt der Soziologe Stefan Hradil im TV-Interview. Allerdings können sich die meisten gut mit ihrer Situation arrangieren, denn sie sind ohnehin mit ihrem Beruf verheiratet. Schwierig wird es für viele Singles erst im Alter. Und das könnte angesichts ihrer steigenden Zahl auch zu einem gesellschaftlichen Problem werden.

Trier. Mal leben sie in viel zu großen Altbauwohnungen, fahren schicke Autos, kaufen Lachscarpaccio und haben ständig wilden Sex. Mal altern sie so einsam, dass sie fürchten, im Falle ihres Todes erst Wochen später gefunden zu werden. Über Singles gibt es viele Klischees. Fest steht: Es gibt immer mehr Menschen, die alleine wohnen oder ohne festen Partner sind. Unsere Redakteurin Katharina Hammermann hat mit dem Soziologie-Professor Stefan Hradil über die Eigenschaften und die Auswirkungen dieses gesellschaftlichen Wandels gesprochen.

Nicht jeder, der in einem Singlehaushalt lebt, ist auch alleinstehend. Was ist denn ein Single?
Professor Stefan Hradil: Da gibt es zwei Kriterien. Singles sind partnerlose und/oder allein wohnende Menschen mittleren Alters. In einer meiner Untersuchungen hatte ich die obere Altersgrenze bei 55 Jahren angesetzt. Die würde ich inzwischen deutlich anheben.

Warum?
Hradil: Die Vorstellungen haben sich geändert. Früher war es normal, nach dem Tod des Partners alleine zu bleiben. So manche 75-Jährige denkt heute gar nicht daran. Schauen Sie sich doch mal das Alter in den Kontaktanzeigen an …

Wie bewerten Sie die "Versingelung" der Gesellschaft?
Hradil: Die Frage ist eher: Wie bewertet die Gesellschaft Singles. Singles waren - anders als die klassische Familie - stets ein Gegenstand von Bewertungen. In den 80er Jahren wurden sie eher als Leuchtturm dargestellt - als Leitbild. Da lehnte sich der erfolgreiche Single in der Werbung über die Brüstung seiner Dachterrasse, um unten sein schickes Cabrio zu sehen. Inzwischen werden Singles eher bemitleidet oder als Sozialschmarotzer gesehen, die nichts für den Generationenvertrag tun.

Was ist dran an den Klischees? Wie lebt ein Single?
Hradil: Man muss sich um Singles keine großen Sorgen machen. Viele sind mit ihrem Beruf verheiratet und verfügen über beachtliche finanzielle Mittel. Insbesondere viele Single-Frauen haben eine gute Ausbildung. Singles wohnen meist nicht im 1-Zimmer-Apartment im Hochhaus, sondern eher auf 80 Quadratmetern im Altbau mit Parkett und Stuckdecke. Sie wollen stilvoll leben - auch, um zu demonstrieren, dass das Alleinleben Qualitäten hat. Freilich gibt es auch eine Minderheit, der es finanziell schlecht geht.

Welchen Raum hat die Liebe?
Hradil: Singles, die von vornherein sagten: "Alleine zu sein, ist mein Ziel", sind eine krasse Minderheit. Die wenigsten sind freiwillig in diese Situation geraten. Entweder werden sie nach gescheiterten Beziehungen oder wegen beruflicher Zwänge zum Single. Das heißt jedoch nicht, dass es ihnen schlecht geht. Die meisten arrangieren sich gut. Insbesondere Frauen. Sie kommen alleine meist besser zurecht als Männer. Männliche Singles suchen häufiger nach einer neuen Partnerin.

Und das Sexleben?
Hradil: Das Klischee vom "Swinging Single" trifft die Realität meist nicht. Natürlich gibt es den 28-Jährigen, der sich austobt. Doch die Sexualität von Singles ist unauffällig. Sie ist eher unterdurchschnittlich.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen hat es, dass immer mehr Menschen alleine leben?
Hradil: Das hat keineswegs nur negative Auswirkungen. Singles sind ein positiver Wirtschaftsfaktor. Sie sind in vielen Fällen Leistungsträger im Beruf, sie sind gute Steuerzahler und sie sind Vorreiter beim Konsum von qualitativ und ästhetisch hochwertigen Produkten.

Und die negativen Auswirkungen?
Hradil: Die Befürchtungen, dass Singles den Wohnungsmarkt kaputtmachen oder den Verkehr zum Zusammenbrechen bringen, sind übertrieben. Ein echtes Problem ist aber die Pflege im Alter. Obwohl ein Viertel aller Singles Kinder hat, können sie deutlich seltener damit rechnen, im Familienkreis gepflegt zu werden. Und wenn alle Singles institutionell gepflegt werden müssten, dann wäre das nicht finanzierbar.

Wie sollte die Politik reagieren?
Hradil: Fragen Sie besser, was "man" tun kann. Es geht darum, neue Wohnmodelle zu entwickeln. Da sind vor allem die Betroffenen selbst gefragt. Das ist ja auch ein Grund, warum viele im Alter nach einem Partner suchen: um nicht alleine zu sein und sich gegenseitig unterstützen zu können.Extra

Stefan Hradil (Jahrgang 1946) ist Professor für Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In zahlreichen Studien und Veröffentlichungen hat er sich mit der "Single-Gesellschaft" auseinandergesetzt. So lautet auch der Titel einer 1995 als Buch veröffentlichten Studie, die Hradil im Auftrag des Bundeskanzleramts durchführte. kah