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Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Eine Frage der Glaubwürdigkeit

Wird das jetzt zum Ritual? Jeden Tag eine neue Pressekonferenz, eine neue Talkrunde, in der sich ehemalige oder aktuelle Profi-Radfahrer reumütig als Doper früherer Tage enttarnen?

Am heutigen Freitag hat Bjarne Riis die Öffentlichkeit zur Audienz gebeten. Wer kommt am Samstag? Wer am Sonntag? Wer nächste Woche?Einst zu Helden gemachte "Ritter der Landstraße" sind gerade dabei, nach und nach Abbitte zu leisten. Aktuell haben ganz artig und medienwirksam Erik Zabel, Rolf Aldag und Udo Bölts "Entschuldigung" dafür gesagt, dass sie mit Blutdopingpräparaten oder Wachstumshormonen versucht haben, sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Fahrer, die als Vorzeige-Kämpfer im Schatten von Jan Ullrich und Bjarne Riis galten.

Solche Entschuldigungen jedoch sind bei jenen schwer zu akzeptieren, die noch vor Kurzem entsetzt auf Nachfragen nach eigenem Doping-Konsum reagiert und ihre Unschuld beteuert haben - im Vollbesitz ihrer geistigen Urteilsfähigkeit. Die, die sich jetzt aus ihren Löchern wagen, haben in der Vergangenheit nach Strich und Faden gelogen, ohne rot im Gesicht zu werden. Jeder, der irgendwo Fehler macht, hat eine zweite Chance verdient. Das sollte auch für geständige Radprofis gelten. Aber können Ex-Fahrer wie Rolf Aldag oder Christian Henn, die sich als Wiederholungstäter geoutet haben, heute für einen sauberen Radsport kämpfen und eintreten - und das in exponierter Stellung? Vielleicht. Doch so sehr sie sich auch anstrengen mögen, die Glaubwürdigkeit dürfte ihnen spätestens ab jetzt einen Strich durch die Rechnung machen. Die Glaubwürdigkeit ist aber gleichzeitig das A und O, die Grundlage, auf der der ProfiRadsport den Doping-Sumpf auszutrocknen versuchen muss. Darin liegt das Dilemma.

Ohne Frage ist der Profi-Radsport durch die Beichten der vergangenen Tage auf dem Weg zur Selbstreinigung ein kleines Stückchen vorwärts gekommen. Noch weiter käme er, wenn bald auch das Geflecht der Hintermänner (Mediziner, Apotheker, Betreuer) deutlich sichtbarer würde, das Doping-Machenschaften meist erst ermöglicht und ankurbelt.

Doch die Ohnmacht scheint noch groß: Wenn bislang die Kontrollmöglichkeiten den Finessen der Doper hinterhinkten, dann wird das heute auch noch so sein. Wer das negiert, wäre ein unverbesserlicher Optimist.

m.blahak@volksfreund.de