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Eine Frage, wichtig für die ganze Welt

Eine Frage, wichtig für die ganze Welt

BERLIN. Teil zwei der deutsch-französischen Jubelfeiern zum 40. Jahrestag des Elysée-Vertrags fand in Berlin statt. Standen in Paris und Versailles tags zuvor noch echte Parlamentarier im Mittelpunkt der Veranstaltungen, so waren es am Donnerstag politische Nachwuchskräfte, die das deutsch-französische Verhältnis befruchteten.

Wer gedacht hatte, die Diskussion von 500 Jugendlichen mit Staatspräsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder werde in der üblichen Routine erstarren, sah sich getäuscht: Es wurde ein Termin mit klaren Worten. Schüler aus beiden Ländern, die bereits fünf Tage lang als "Jugendparlament" in Berlin getagt hatten, forderten selbstbewusst "ein geschlossenes Auftreten" Deutschlands und Frankreichs in internationalen Fragen, ein "gemeinsames Geschichtsbuch" für die Schulen, die Zusammenlegung beider Botschaften, eine Abkehr in der Energiepolitik von fossilen und nuklearen Brennstoffen ­ und ein aktives Eintreten für den Frieden. Der letzte Punkt war besonders spannend, weil er im Protokoll nicht vorgesehen war. Während der Diskussion standen eine deutsche und eine französische Schülerin auf und ergriffen ungefragt das Wort. Sie wüssten zwar, dass dieses Thema nicht angesprochen werden sollte, aber ihre Frage sei "wichtig für die ganze Welt". "Werden Deutschland und Frankreich mit einem klaren Nein zum Irak-Krieg stimmen?" Deutschland und Frankreich würden sich "nicht davon abbringen lassen", zu versuchen, die Durchsetzung der UN-Resolution 1441 mit friedlichen Mitteln zu erreichen, erklärte Schröder. Krieg sei nie unausweichlich, beide Länder hätten eine "gemeinsame Position", und er habe für Deutschland schon deutlich gemacht, "dass wir einer Legitimierung von Krieg nicht zustimmen können". Chirac fügte nur einen Satz hinzu: "Das ist die gemeinsame Außenpolitik, was gerade gesagt worden ist". Schröder und Chirac präsentierten sich gestern wie siamesische Zwillinge, die von gleichen Interessen geleitet werden. Wenn wir uns einig sind, sagte der Franzose, kommt die Europäische Union voran; wenn nicht, tritt sie auf der Stelle. Natürlich war man auch "beim größten Problem" einer Meinung: der immer noch vorhandenen "Sprachbarriere". Deshalb sollten alle Kinder in Deutschland und Frankreich schon im Kindergarten in zwei Fremdsprachen unterrichtet werden. Trotz aller sprachlichen Mängel seien beide Völker voneinander "fasziniert", sagte Chirac, weshalb die Freundschaft und Zusammenarbeit auch auf allen Ebenen ausgebaut werden soll. Nach der Diskussion fuhren Kanzler und Präsident zum Schloss Bellevue, wo Bundespräsident Johannes Rau geladen hatte. Rau beschwor den "Auftrag" der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und schloss seine Rede mit dem Satz, den Charles de Gaulle bei seinen Bonn-Besuchen immer sagte: "Es lebe Frankreich, es lebe Deutschland, es lebe die deutsch-französischeFreundschaft, es lebe Europa!" An der Enthüllung des Adenauer-de-Gaulle-Denkmals im Tiergarten nahm auch Altbundeskanzler Helmut Kohl teil, der Anfang der 80er Jahre über den Gräbern von Verdun mit Präsident François Mitterand die Hände gereicht hatte. Auch Schröder und Chirac reichten sich die Hände, denn "wir haben den Berg des Misstrauens zwischen unseren beiden Ländern überwunden" (Chirac). Schließlich ging es zur Eröffnung der Botschaft am Pariser Platz. Die Botschaft steht exakt an gleicher Stelle wie die alte Botschaft aus Zeiten alter Feindschaft.