Eine Hand voll Hoffnung

Berlin. Drei Frauen und zwei Männer haben ihre Bewerbung für die zwei Posten der Grünen-Fraktionsspitze angekündigt. Die Fraktionsvorsitzenden werden an diesem Dienstag in getrennten Wahlgängen von den 51 Abgeordneten gewählt.

Als Joschka Fischer in der vergangenen Woche überraschend seinen Verzicht auf sämtliche Spitzenämter in Partei und Fraktion verkündete, schienen die Grünen für einen Moment wie gelähmt. In die Andacht über die lebende Partei-Legende mischte sich allerdings sehr schnell das irdische Posten-Gerangel. Heute entscheidet die grüne Bundestagsfraktion über ihre beiden neuen Führungsköpfe. Und gleich fünf Bewerber haben ihren Hut in den Ring geworfen.Neben Verbraucherschutzministerin Renate Künast (49) und Umweltminister Jürgen Trittin (51) geht auch der Wahlkampfmanager Fritz Kuhn (50) ins Rennen. Die beiden Amtsinhaberinnen, Katrin Göring-Eckardt (39) und Krista Sager (52), rechnen sich ebenfalls Chancen aus. Noch am gestrigen Abend saßen Linke und Realos in getrennten Kungelrunden zusammen, um das Personalangebot noch einmal durchzudeklinieren. Bereits in den vergangenen Tagen gab es mehrere Strömungstreffen, wurde heftig telefoniert. Dabei sei klar geworden, dass sich "kein Kandidat von vorn herein einer Mehrheit sicher sein kann", erklärte der Koordinator der Fraktionslinken, Winfried Hermann, gegenüber unserer Zeitung. Aus dem Realo-Lager ist zu hören, dass es keine "Paketlösung" geben werde. Jeder Posten werde per Einzelwahl entschieden. Und weil bei den Grünen nicht nur der Strömungsproporz, sondern auch die Geschlechtergerechtigkeit zählt, hat der erste Wahlgang eine Schlüsselbedeutung. Setzt sich nämlich dabei ein Mann durch, dürfen für den Co-Fraktionsvorsitz nur noch Frauen antreten. Denn mindestens einer der beiden Chefsessel muss weiblich besetzt sein.

Linker Flügel will Künast und Trittin

Ginge es nach den Linken, dann hießen die neuen Leitfiguren Künast und Trittin. Doch in der Fraktion bilden traditionell die Realos das stärkere Bataillon. Renate Künast werden beste Chancen eingeräumt, in beiden Lagern zu punkten, was für Jürgen Trittin im Umkehrschluss die Aussichten erheblich verdüstert. Als die Parteispitze im Mai Joschka Fischer zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl ausrief, kochte kurzzeitig eine Diskussion über Künast als Co-Star hoch. Übervater Fischer wollte davon aber nichts wissen und Künast fügte sich. Nun wäre der Weg zu neuen Weihen frei.

In der grünen Anhängerschaft ist Künast beliebt. Als Agrar-Ministerin hat sie sich einen guten Namen gemacht. Wo die Frau mit der sportlichen Kurzhaarfrisur war, durfte auch Fritz Kuhn nicht fehlen. Das galt zumindest in den Jahren 2000 und 2001, als beide in Eintracht und Harmonie der Partei vorstanden. Durch ihre Führungsqualitäten wurde die Berliner Grünen-Zentrale damals erheblich aufgewertet.

Künast, die sich selbst keiner politischen Gesäßgeographie zuordnet, aber trotzdem zur pragmatischen Linken zählt, und der Realo-Vordenker Kuhn gelten bei vielen als Idealbesetzung für den Fraktionsvorsitz. Auch Fischers Auge dürfte auf dieser Kombination wohlgefällig ruhen. Der Baden-Württemberger Kuhn gehört zu seinen engsten Vertrauten. Trotzdem bleiben Unwägbarkeiten, denn Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt wollen das Feld nicht kampflos preisgeben. Die Hamburgerin und ihre Kollegin aus Thüringen haben in der zurück liegenden Amtszeit nicht wirklich etwas falsch gemacht. Krista Sager steht allerdings im Ruf, eine bloße Managerin der Fraktionsgeschicke zu sein. Für eine politische Neuausrichtung als Oppositionspartei ist das wohl zu wenig. Göring-Eckardt verfügt indes über gewisse Alleinstellungsmerkmale, die für die Zukunft der Grünen nicht unwichtig sind.

Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin aus kirchlichem Milieu steht für die ostdeutsche Flanke der Partei. Auch ein Duo Künast/Göring-Eckardt an der Fraktionsspitze wäre demnach nicht ausgeschlossen.