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Eine Handvoll Dollar statt Millionen Euro

Eine Handvoll Dollar statt Millionen Euro

Die Staatsanwaltschaft Koblenz klagt eine der schillerndsten Figuren der Nürburgring-Affäre an. Der Schweizer Finanzvermittler Urs Barandun (53), der dem Land das große Geld versprochen hatte, soll Schecks gefälscht haben.

Mainz. Im Februar 2008 empfing der damalige rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel in seinem Amtszimmer einen Gast. Er suchte händeringend Investoren für den Ausbau des Nürburgrings. Der Besucher aus der Schweiz hatte scheinbar massenhaft Geld. Zudem wirkte der Geschäftsmann seriös. Deubel beschloss, dem Mann zu vertrauen. Ein Fehler, den er vermutlich sein Leben lang bereuen wird.
Auf den "ganz großen Geldadel", den Ex-Ministerpräsident Kurt Beck der Öffentlichkeit im Juni 2009 ankündigte, wartet selbige heute noch. Der Schweizer Urs Barandun überreichte der Landesregierung zwar damals zwei von ihm unterschriebene und auf das Konto einer amerikanischen Firma mit dem schönen Namen "Wundervermögensverwaltung" bezogene Schecks über 100 Millionen US-Dollar (73,5 Millionen Euro). Doch diese waren ungedeckt, und Barandun hatte laut Staatsanwaltschaft gar keine Bankvollmacht."Wundervermögensverwaltung"


Der echte Kontostand betrug 57 Dollar, 18 Cent. Der vermeintlich hinter der Firma Wundervermögensverwaltung steckende US-Milliardär und Investor Pierre Dupont hatte vom Ring nach eigenem Bekunden nie gehört.
Das Ende vom Lied ist bekannt: Ingolf Deubel trat im Juli 2009 zurück. Der Steuerzahler berappte 330 Millionen Euro für die Betonbauten an der Eifel-Rennstrecke. Und Deubel wurde im April vom Landgericht Koblenz wegen Untreue zu dreieinhalb Jahren Haftstrafe verurteilt, wogegen er Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt hat (siehe Extra).
Der Mann, der Deubel und die gesamte Landesregierung genarrt und zur bundesweiten Lachnummer gemacht hat, steht jetzt ebenfalls im Fokus. Die Vorwürfe wirken gegenüber denen gegen Deubel (Untreue) vergleichsweise bescheiden. Die Staatsanwaltschaft Koblenz klagt Urs Barandun wegen Urkundenfälschung in zwei Fällen an.
Weitere Fälle der Urkundenfälschung könnten ihm nicht zur Last gelegt werden, da Barandun Dokumente nur als Reproduktionen oder Fotokopien vorgelegt habe. Damit sei der Straftatbestand nicht erfüllt, erklärt der Leitende Oberstaatsanwalt Harald Kruse. Auch hinsichtlich aller anderen Vorwürfe sei das Verfahren eingestellt worden.
Das bedeutet: Weder wegen Betrugs noch wegen versuchten Betrugs wird Urs Barandun belangt. Erklärung der Staatsanwaltschaft: Die umfangreichen Ermittlungen hätten "keinen zur Anklageerhebung hinreichenden Tatverdacht ergeben". Es seien "keine Belege dafür bekannt geworden, dass der Schweizer Finanzvermittler für seine Tätigkeiten einen Vermögensvorteil erhalten oder angestrebt hat". Mangels eines eingetretenen oder beabsichtigten Vermögensschadens liege daher kein Betrug oder versuchter Betrug vor.
Die CDU-Opposition sieht in der Anklage laut Fraktionsvize Alexander Licht "ein Musterbeispiel für die organisierte Verantwortungslosigkeit der Landesregierung". Sie habe sich mit zwielichtigen Partnern eingelassen.
Das Landgericht Mainz hat über die Eröffnung des Hauptverfahrens noch nicht entschieden. Sollte es zur Verhandlung kommen, würden sich Deubel und Barandun erneut vor Gericht sehen. Im Deubel-Prozess war der Schweizer als Zeuge vernommen worden und hatte weitgehend geschwiegen. Bald könnte es andersrum sein: Barandun der Angeklagte, Deubel der Zeuge.Extra

Die Urteile im Nürburgringprozess: Der frühere rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel soll wegen seiner Rolle bei der gescheiterten Privatfinanzierung am Nürburgring für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht Koblenz verurteilte den SPD-Politiker wegen Untreue in 14 Fällen. Er habe Landesvermögen in Millionenhöhe gefährdet. Zu Bewährungsstrafen wurden Ex-Ring-Chef Walter Kafitz (19 Monate) und Ex-Controller Michael Nuss (acht Monate) verurteilt. Wegen Beihilfe zur Untreue bekamen Ex-Förderbankchef Hans-Joachim Metternich und Roland Wagner, Chef der ISB-Tochter RIM, Verwarnungen. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig. Deubel, Kafitz und die Staatsanwaltschaft haben Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt. fcg