Eine Kleinstadt lehnt sich gegen Donald Trump auf

Eine Kleinstadt lehnt sich gegen Donald Trump auf

Donald Trump macht Ferien im lauschigen Bedminster, und obwohl die Stadt eine Hochburg der Konservativen ist, gibt es auch dort ein paar Entschlossene, die ihn ein wenig stören wollen in seinem Urlaubsdomizil.

Jim Girvan musste sich etwas einfallen lassen. Als klar war, dass Donald Trump öfter nach Bedminster kommen würde, um beim Golfspielen zu entspannen, wusste Girvan nur, dass er etwas tun musste. Flagge zeigen. Demonstrieren. Den Mann in seiner Freizeit ein wenig stören. Aber wie? Leicht war es nicht, zumal es nur so wimmelte von imaginären Warnschildern.

Bei "We the People", einer Gruppe von Aktivisten, haben sie sich in langen Sitzungen den Kopf darüber zerbrochen. Strohgelbe Luftballons über Trumps Club aufsteigen lassen, in Anlehnung an die Haarfarbe des Präsidenten? Der Plan kollidierte mit Umweltbedenken. Auf den Asphalt an der Golfplatzeinfahrt schreiben, wie der US-Senat gegen die Reform der Gesundheitsreform stimmte? Trumps Niederlage in übergroße Zahlen fassen? Die Stadt hätte sie zu empfindlich hohen Bußgeldern verdonnert. Ein Kleinflugzeug samt Protestbanner auf den Weg über die Golfwiesen schicken? Keine Chance, die Personenschützer des Secret Service erklären einen Zehn-Meilen-Radius rings um das Anwesen zur Flugverbotszone, wann immer ihr oberster Schutzbefohlener in Bedminster weilt.

Die Antwort auf all die Verbote lässt sich auf der Ladefläche von Girvans Pick-up besichtigen. Eine Art Vogelscheuche, eingehüllt in die russische Flagge. Fellmütze, Pinocchio-Nase, die Füße stecken in teuren Golfschuhen. Kerzengerade, festgezurrt mit Riemen, sitzt die Figur auf einem Brett, groß genug, um die Hecken um Trumps Areal zu überragen. In Donald Trump sieht Jim Girvan eine Marionette des Kremls, das will er mit seiner Bastelarbeit sagen. Jeden Samstag kutschiert er sie an der Spitze einer kleinen Kolonne die Lamington Road rauf und runter, immer vorbei am Parcours des Präsidenten, quer durchs "Horse Country" mit seinen gepflegten Pferdeställen, den sanft gewellten Hügeln, den filmreif weißen Zäunen. Bei schönem Wetter waren es einmal um die 150 Autos, die ihm folgten. Bei Regen sind es deutlich weniger, doch Girvan denkt nicht daran, deswegen auch nur einen Korso ausfallen zu lassen.

64 Jahre alt, hat er früher in der Gemeindeverwaltung Bedminsters gearbeitet. An Wochentagen stellt er sich nachmittags mit einem halben Dutzend Mitstreiter auf eine Autobahnbrücke, in der Hoffnung, dass Fahrer zustimmend hupen. Während unten der Verkehr auf der I-78 rauscht, winken sie oben hinter einem Gitter aus Maschendraht. "Trump-Mathematik: 2+2=Was immer ich sage", steht auf einem Poster.

Lisa O'Dwyer, Steuerberaterin und Mutter zweier Kinder, hat eine berufliche Pause eingelegt, damit sie sich Girvans Trupp anschließen konnte. Erst wenn Trump das Oval Office verlassen habe, sagt Lisa O'Dwyer, sei an geregelte Arbeit wieder zu denken. Im Moment sei der Protest ihre Arbeit.

Bedminster, ein Hort des Widerstands? Eher scheint es so, dass Ruhestörungen dem Naturell Bedminsters, einer idyllisch gelegenen Kleinstadt mit rund achttausend Einwohnern, zutiefst widersprechen. Auf dem Parkplatz vor der Gemeindebibliothek betont eine Frau namens Linda, sie sei stolz darauf, dass der Präsident sie beehre, bevor sie zu ihrem Auto eilt.

In Bedminster ist Steve Forbes zu Hause, der Herausgeber der gleichnamigen Zeitschrift, die mit schöner Regelmäßigkeit eine Liste der reichsten Menschen der Welt druckt. Den Geschäftsmann Trump zog es an den Wochenenden aus Manhattan ins nahe Horse Country, weil er sich dort unter seinesgleichen Erholung versprach. Wer heute Mitglied im "Trump National Golf Club" werden will, muss allein für die Aufnahme hunderttausend Dollar berappen, zuzüglich 22 100 Dollar Jahresgebühr. 2002 hat der Mogul das Gelände gekauft, danach ließ er zwei Golfplätze anlegen, jeweils 18 Löcher. Vor acht Jahren heiratete seine Tochter Ivanka dort den Immobilienerben Jared Kushner, einmal feierte die Demokratische Partei eine ausgelassene Siegesparty.

Da war ihr ein echter Coup gelungen: "Zum ersten Mal seit Menschengedenken", übertreibt Peg Schaffer, hatten die Bürger des durch und durch republikanischen Bedminster einen Demokraten in ihr Rathaus gewählt. Als Nächstes erzählt Schaffer von den Ziegen. Vier Ziegen. Trumps kleiner Steuertrick. Die Chefin der Demokraten im Somerset County, dem Landkreis, in dem Bedminster liegt, leitet im Hauptberuf eine Anwaltskanzlei. Spezialisiert auf Grundstücksrecht, kennt sie sich aus mit den Feinheiten exklusiver Immobilien im Land der Pferde. Wer etwa Ziegen auf einer Golfwiese grasen lässt, kann das Areal, zumindest größere Teile davon, zur landwirtschaftlichen Nutzfläche erklären. Es senkt die Grundsteuer ganz erheblich.

Was Schaffer allerdings viel mehr auf die Palme bringt als der raffinierte Spartrick, sind die ausufernden Kosten, die Trumps Ausflüge ins Horse Country verursachen. Ein US-Präsident habe doch schon die Wahl zwischen zwei Residenzen, das müsste reichen, sagt sie. Eine in der Stadt, das Weiße Haus. Eine zweite auf dem Land, die Waldsiedlung Camp David in Maryland.

Während Trump Camp David links liegen lässt, offenbar hat er nichts übrig für rustikalen Blockhüttencharme, fliegt er im Winter nach Mar-a-Lago, in sein Strandschlösschen in Florida, während es ihn ab Mai nach Bedminster zieht. Dann wäre da noch der Trump-Tower, das Hochhaus an der Fifth Avenue in New York, nach wie vor zu beschützen. Für den Steuerzahler, schimpft Schaffer, bedeute es, an all diesen Orten die Kosten etlicher Polizisten-Überstunden zu tragen. "Ich bin gespannt, was er uns noch alles zumuten will."

Für Steve Parker bedeuten Trumps Sommerferien, mitten in der Hochsaison rote Zahlen zu schreiben. Auf dem kleinen Flugplatz, den er betreibt, darf nichts starten oder landen, es sei denn, es handelt sich um die Helikopter des Staatschefs oder seiner Bewacher. Keine Flugschule, keine Ballonfahrten, keine Privatflüge: Wenn es so weitergeht, orakeln Kenner der Branche, muss Parker wohl bald Konkurs anmelden.

Der Geschädigte wiederum steht zwischen Baum und Borke, denn einerseits verhagelt ihm Trump das Geschäft, andererseits ist er ein disziplinierter Republikaner und obendrein Bedminsters Bürgermeister. Falls ihn die präsidentiellen Golf-Ferien nerven, anmerken lassen will Parker sich nichts. Nein, er könne nicht behaupten, dass Trumps Anwesenheit das Leben in Bedminster nennenswert störe, hat Parker der "Washington Post" gesagt. Zumindest habe er kaum Beschwerden gehört. Mittlerweile, jedenfalls ist das die Auskunft, die man bekommt, wenn man nach dem Bürgermeister fragt, ist er selber in den Urlaub entschwunden.

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