Eine Million Menschen auf den Straßen

Eine Million Menschen auf den Straßen

Unser Hauptstadt-Korrespondent Werner Kolhoff, damals Sprecher des (West-)Berliner Senats und Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD), schildert in dieser TV-Serie bis zum 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse beim Mauerfall.

4. November 1989, Samstag:

Seit Freitagabend hat die Mauer ein weiteres großes Loch. Die DDR-Regierung genehmigt nun die direkte Ausreise ihrer Bürger in die Bundesrepublik - aber nur, wenn sie über die Tschechoslowakei fahren. Personalausweis reicht. Die mit Flüchtlingen überfüllte deutsche Botschaft in Prag leert sich noch in der Nacht. Auf den Straßen wälzt sich bald ein steter Strom von Trabbis über Dresden Richtung Süden. Was ist eigentlich, so fragen wir uns bei einer kurzen Besprechung am Morgen im Rathaus Schöneberg, wenn diese DDR-Bürger sich wie normale Touristen ein paar Tage München oder Nürnberg anschauen, und dann in Bayern, Hessen oder Niedersachsen wieder an der Grenze zur DDR anklopfen: Hallo, wir wollen zurück. Waren nur mal gucken. Kann und wird die DDR sie dann abweisen? Sicher nicht. Die Regelung bedeutet im Grunde schon Reisefreiheit, nur eben mit einem riesigen Umweg. Sie ist absurd. Übermorgen werden der Regierende Bürgermeister Walter Momper und ich selbst nach Prag fahren, um uns ein Bild von der Lage zu machen. Ich verbringe diesen Samstag im Büro. Das DDR-Fernsehen überträgt die Großdemonstration vom Ost-Berliner Alexanderplatz live. Das hat es noch nie gegeben. Es soll der Beweis für die neue Offenheit der Führung unter Egon Krenz sein. Eine Million Menschen ist auf den Straßen. Friedlich und mit sehr phantasievollen Transparenten. Es reden Schriftsteller und Schauspieler - vorsichtig, kein Wort von Abrechnung und schon gar nicht von Wiedervereinigung. Demokratie und Pressefreiheit fordern sie. Nicht das Ende des Sozialismus, sondern seine Reform. Christa Wolf sagt: "Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg!" Friedrich Schorlemmer ruft: "Jetzt wird es spannend, bleibt hier!" Alle erhalten großen Beifall. Nur die beiden "Politiker", die hier reden, der SED-Bezirksvorsitzende Günter Schabowski und der frühere Spionagechef Markus Wolf, werden ausgepfiffen. Den Beteuerungen der Partei, den Sozialismus von oben reformieren zu wollen, wird nicht mehr geglaubt.

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