Eine Niere für den Liebsten

Bei Organspende denkt man in der Regel an Organe, die von Hirntoten stammen. Doch es gibt auch die sogenannte Lebendspende. Dabei schenkt ein Verwandter oder Lebenspartner einem Kranken eine Niere. Ein Beispiel aus Trier.

Trier. Mitten während des Gespräches fällt Viktor Raab (Name geändert) auf die Knie, greift die Hand seiner Verlobten Ursula (Name geändert) und macht ihr einen Heiratsantrag. Seit zwei Jahren sind der 51-Jährige und die 50-Jährige aus Trier ein Paar. Sie will ihm eine ihrer beiden Nieren "schenken".
Raab ist nierenkrank, muss drei Mal die Woche zur Blutwäsche (Dialyse). Seit einer Blutvergiftung arbeitet seine Niere, die er vor 24 Jahren transplantiert bekommen hat, nicht mehr, eine Maschine muss die Arbeit übernehmen. Die Lebensqualität leide schon stark darunter, sagt der Frührentner. Seit Jahren wartet er auf ein Spenderorgan. Vergeblich. Auch seine Tochter hat ihm angeboten, sich eine Niere entnehmen zu lassen, die ihm dann transplantiert worden wäre. Das hat er aber abgelehnt.
Bei seiner Lebensgefährtin ist das anders. Für die 50-jährige Ursula war von Anfang an klar, dass sie ihm helfen will. Durch eine sogenannte Lebendspende.
Das Transplantationsgesetz erlaubt diese grundsätzlich nur unter Verwandten ersten und zweiten Grades: Ehepartnern, Verlobten und Personen "die sich in enger persönlicher Verbundenheit offenkundig nahestehen", wie es im Gesetz heißt. Die Lebendspende sei vor allem für Nierenpatienten die einzige Möglichkeit einer frühzeitigen Transplantation, bevor es zu gesundheitlichen Verschlechterungen kommt, sagt Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Die Patienten müssten oft jahrelang auf ein Organ warten "Die Lebendtransplantation bietet die sicherste Möglichkeit, schnell ein neues funktionsfähiges Organ zu bekommen."
Angst habe sie keine, sagt Ursula. Sie wolle ja, dass es ihrem zukünftigen Mann wieder besser gehe, davon habe sie ja auch was. Sie sei sich bewusst, dass eine Lebendspende kein einfacher Eingriff ist. Sie ginge als gesunder Mensch ins Krankenhaus und würde operiert, weil sie einem anderen Menschen helfen wolle. Des Risikos sei sie sich bewußt. Trotzdem hat die 50-Jährige keine Bedenken.
Befremdliche Fragen


Vor dem Eingriff haben unabhängige Ärzte das Paar ausführlich befragt. Warum sie eine Niere spenden wolle? Ob sie tatsächlich ein Paar sind? Eine Ethikkommission muss herausfinden, ob etwa die Spende aus Zwang geschieht. Die 50-Jährige hat die Fragen als befremdlich empfunden. Sie habe den Eindruck gehabt, dass man ihr unterstelle, sie mache das nur, weil sie vielleicht ihre Niere illegal verkaufen wolle.
Schließlich gibt die Ethikkommission ihr Einverständnis. Auch die Voruntersuchungen sind erfolgreich. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für den Eingriff. "Das muss gutgehen", sagt der 51-Jährige, ein paar Tage vor der geplanten Transplantation im Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern.
Das war Ende April. Am 2. Mai wurde ihm die Niere seiner Verlobten transplantiert. Doch während der schwierigen OP kam es bei dem Trierer zu Komplikationen. Sein Blutdruck sackte derart ab, dass Lebensgefahr bestand. Die neue Niere wurde dadurch beschädigt. Sie arbeitet nicht.
Über zwei Monate verbringt der Mann im Krankenhaus. Mittlerweile geht es ihm wieder besser. Auch wenn sich an seinem Leben letztlich nichts geändert hat. Er muss weiter zur Dialyse. Und er wartet nun wieder auf eine Spenderniere. Trotzdem bereut es seine Verlobte nicht, dass sie ihm ihre Niere geschenkt hat. Auch wenn es eben nicht so gelaufen sei, wie beide sich das vorgestellt haben.
Geheiratet werden soll trotzdem. Ihre Liebe sei durch das Erlebte noch stärker geworden.