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Eine Operation lässt die Kasse klingeln

Eine Operation lässt die Kasse klingeln

Regiert in vielen Krankenhäusern mittlerweile die Profitgier vor dem ärztlichen Ethos? Kritiker, darunter auch der Chef der Trierer Bezirksärztekammer, sagen Ja. Viele Kliniken seien Wirtschaftsunternehmen, die mit aufwendigen, womöglich überflüssigen Behandlungen Geld verdienen wollen.

Trier. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Für die meisten der blanke Horror. Nicht nur, dass sie womöglich seit Wochen oder gar Monaten unter zum Teil unerträglichen Schmerzen leiden und jede Bewegung zur Qual wird. Hinzu kommt die Angst vor einer Operation. Wie etwa bei der 51-jährigen Triererin, die in einem Internetforum Rat sucht: "Habe seit Oktober 09 Schmerzen, Klinik, zweimal Reha und es ist nicht besser geworden. Von Orthopäden zu Orthopäden. Habe das Vertrauen in Ärzte verloren. Bin auf eigenen Wunsch zum Neurochirurgen. Dieser meinte, anhand der Problematik käme ich an einer OP nicht vorbei."
Deutlicher Trend zu OP


Doch Experten warnen: Über 90 Prozent der Bandscheiben-OPs seien überflüssig. Eingriffe an der Wirbelsäule würden nicht besser helfen als konservative Behandlungen wie Krankengymnastik oder Schmerzmittel. Auch die Anzahl der Hüft- oder Knie-OPs ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Auch hier gelten viele der Eingriffe als überflüssig. "Der Trend zur Operation ist deutlich", sagt Michael Schultz von der Techniker-Krankenkasse (TK). Dabei seien 87 Prozent der Rückeneingriffe unnötig.
Diese Erkenntnis bestätigt auch Jan-Christoph Loh. Er ist Geschäftsführer des Internetportals www.vorsicht-operation.de. Im Schnitt 30 Patienten pro Monat suchen dort vor geplanten orthopädischen Operationen den Rat unabhängiger Ärzte. Loh rät, vor jedem geplanten Eingriff etwa am Kniegelenk, am Rücken oder an der Schulter sich auf jeden Fall eine zweite Meinung von einem anderen Arzt einzuholen, rät der ausgebildete Chirurg. Das müsse nicht unbedingt im Internet sein, könne auch bei einem anderen Arzt in der Nähe sein. Da bestehe allerdings die Gefahr, dass dieser womöglich die Diagnose seines Kollegen, den er vielleicht persönlich kennt, nicht anzweifeln will und dann doch zur Operation statt zu einer konservativen Behandlung rät. Skeptisch sollten Patienten auch bei Arztempfehlungen von Krankenkassen sein. Diese Ärzte hätten naturgemäß ein Interesse daran, die Kosten im Sinne der Kassen niedrig zu halten und dann eventuell von einer doch notwendigen Operation erst einmal abzuraten.
Viele Chirurgen, so Loh, hätten auch zu wenig Ahnung von derartigen Behandlungen. Sie seien dafür ausgebildet zu operieren. Er glaubt, dass in Kliniken in Fällen, in denen die Möglichkeit besteht sowohl zu operieren als auch konservativ zu behandeln, in den allermeisten Fällen operiert werde. Das bringt mehr Geld als langwierige Behandlungen. Das hängt mit den sogenannten Fallpauschalen, den DRG (Diagnosis Related Groups) zusammen. Über 1000 solcher Pauschalen gibt es. Sie legen fest, wie viel Geld ein Krankenhaus für eine bestimmte Behandlung verlangen darf und zwar unabhängig, wie lange der Patient in der Klinik bleiben muss. Das heißt, je schneller entlassen werden kann, desto lukrativer ist es für Kliniken. Sie werden also nach Leistung bezahlt, nicht mehr nach Liegetagen. Aufwendigere Behandlungen und Operationen bringen mehr Geld.
"Quantität ersetzt nicht Qualität", warnt der Vorsitzende der Bezirksärztekammer Trier, Günther Matheis. Mit der Einführung der DRG vor über zehn Jahren sei zwischen den Krankenhäusern der Wettbewerb ausgerufen worden. "Dieser Umstand hat die Krankenhauslandschaft massiv verändert", sagt Matheis, der Herz- und Thoraxchirurg am Trie rer Brüderkrankenhaus ist. "Hoch spezialisierte Leistungen sind gleich hohe DRG, sprich viel Geld. Nicht das medizinisch Notwendige, oftmals wirtschaftlich unattraktive, sondern das, was lukrativ erscheint, bestimmt die Zukunftsplanung vieler Krankenhäuser."
Kleinere Kliniken betroffen


Eine Entwicklung, die auch in der Region bereits erkennbar sei, sagt Matheis. Vor allem kleinere Krankenhäuser liefen Gefahr, wegen möglicher Existenzsorgen vermehrt betriebswirtschaftlich auch im medizinischen Bereich zu denken. Darunter leide aber die Qualität. Matheis fordert, den Kliniken konkrete Qualitätsvorgaben zu machen. "Je spezialisierter die Leistung, desto mehr an Qualifikation ist zu fordern." Nicht der Markt dürfe entscheiden, wer und wann operiert werde, sondern Qualitätskriterien.