1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Eine Schwedin aus Wittlich will Afghanistan verändern

Eine Schwedin aus Wittlich will Afghanistan verändern

Die Schwedin Lotta Sjöström Becker (39) aus Wittlich versammelt im Auftrag der EU in Kabul Afghanistans polizeiliche Führungskräfte, Polizeirepräsentanten und einige der mächtigsten religiösen Führer zu einer Konferenz. Allen soll bewusst werden, wie wichtig Frauen bei der afghanischen Polizei sind.

Afghanistan sei für sie Herausforderung und Abenteuer zugleich, sagt Lotta Sjöström Becker. "Es treibt mich an, wenn ich zu konstruktiver Veränderung beitragen kann. Außerdem ist es hier nie langweilig. Ich mag Langeweile nicht."

Lotta trägt bei ihrer Arbeit einen knöchellangen Umhang. Ein Schleier ist elegant über ihre Schulter geworfen. Ihre Mitarbeiterinnen geben genaue Anweisungen: "Gib ihnen nicht die Hand. Und schau ihnen nicht in die Augen." Sie hat ein Treffen mit konservativen Führern vereinbart, den mächtigsten Männern Afghanistans. Es werden Frauen gebraucht, die als Polizistinnen arbeiten. Lottas Sjöström Beckers Anliegen ist es, von diesen religiösen Führern dafür die Zustimmung zu erhalten.

Es herrscht erwartungsvolle Stimmung. Ein bisschen angespannt. Lotta Sjöström Beckers Mitarbeiterin, Fatima Kohestani, hat den Umhang, den Lotta trägt, auf dem lokalen Markt gekauft. Es ist wichtig, dass er lang genug und am Hals hoch geschlossen ist und nicht zu eng sitzt.

Sie will keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Botschaft ist das Wichtige. Die religiösen Führer haben großen Einfluss. Sie sind in Afghanistan, wo drei Viertel der Bevölkerung weder lesen noch schreiben können, die großen Meinungsmacher. Jeden Freitag, am Bettag der Woche, verkünden sie ihre Gedanken zu verschiedenen Themen, die über die in den Minaretten angebrachten Lautsprecher im ganzen Land ausgestrahlt werden.

"Diese Führer haben eine unglaubliche Macht", sagt Lotta. "Wollen sie etwas, setzen sie es durch. Meine afghanischen Mitarbeiter waren ein wenig nervös, ihnen zu begegnen."
Lotta ist Expertin, wenn es um die Themen Menschenrechte und Gleichberechtigung geht. Sie arbeitet für die zivile Polizeimission Eupol Afghanistan der Europäischen Union. Der afghanische Staat, Polizei und Justiz werden langfristig auf ihrem Weg zu Stabilität und Sicherheit begleitet. Die meisten Mitarbeiter Lottas sind Polizisten, deren Aufgabe es ist, die afghanische Polizei und Justiz aufzubauen, auszubilden und zu unterstützen. Experten verschiedener Fachgebiete vervollständigen die Arbeit der Polizei: Juristen und politische Wissenschaftler novellieren die Gesetze des Landes unter besonderer Beachtung der Menschenrechte. Der Leiter der Mission, Polizeipräsident Karl Åke Roghe, kommt wie Lotta aus Schweden.

Es ist wichtig, dass auch Frauen bei der Polizei arbeiten. Der Mangel an Polizistinnen führt dazu, dass etwa Leibesvisitationen bei Frauen und Anhörungen weiblicher Opfer nicht vorgenommen werden oder es zu weiteren Übergriffen an den Frauen kommt.
Der Beruf des Polizisten hat in Afghanistan kein hohes Ansehen. Männliche Beamte gelten als korrupt, schlecht ausgebildet und häufig als Drogenkonsumenten. Weibliche sind noch weniger angesehen.

Da eine Frau ohne einen männlichen Familienangehörigen nicht mit Männern umgehen darf, ist der Beruf schwer auszuüben. Wenn eine Beamtin mit drei männlichen Kollegen an einem Kontrollpunkt ihren Dienst verrichtet, und das auch noch nachts, wird sie als unanständig bezeichnet - und ihre Ehre gilt als befleckt. Lotta stellt fest, dass Übergriffe männlicher Kollegen keine Seltenheit sind. "Mangel an Respekt, fehlende Sicherheit und schlechtes Benehmen von Kollegen und Vorgesetzten gehören zum Alltag einer Polizistin in Afghanistan. Wenn es zu Übergriffen kommt, ist es immer die Schuld der Frau. Egal, was sie macht, die Frau ist immer das Opfer." Lottas Arbeit ist fundamental, denn Polizistinnen in Afghanistan sind bedroht. Sie schweben in Lebensgefahr.
Kürzlich wurde eine afghanische Kollegin Lottas umgebracht, nachdem sie Morddrohungen unter anderem von ihrem Bruder erhalten hatte. Wer den Mord in der Öffentlichkeit beging, ist unklar. Für Lotta aber war diese emanzipierte Polizistin Symbol der neu gefassten Rechte der afghanischen Frauen. Lotta arbeitet leidenschaftlich - auch an der Umsetzung der Konferenz. Wie erhalten die Teilnehmer ihre Flugtickets? Wie können die Frauen trotz der verlangten männlichen Begleitung teilnehmen? Lottas Antrieb ist es, das Unmögliche möglich zu machen und die Förderer in konstruktiver Art zu unterstützen.

Auch Frauen dabei
Lottas Einladung folgen nicht nur religiöse Führer aus allen 34 Provinzen Afghanistans, auch Frauen, die Lehrberufe und Politik repräsentieren, sind dabei. Lotta ist auch Referentin für einige Generäle des afghanischen Innenministeriums. An drei Tagen der Woche konferiert sie mit Hilfe ihres Dolmetschers zusammen mit sieben männlichen Repräsentanten des Ministeriums.

Es ist das vierte Projekt im Ausland, an dem sie teilnimmt. Sie lebt zusammen mit ihrem Ehemann Frank Becker in Wittlich. Er arbeitet bei der Bundespolizei in Trier. Die beiden begegneten sich 2009 in Georgien, als sie im Rahmen einer EU-Mission dort das Friedensabkommen zwischen Russland und Georgien überwachten. Nach ihrer Hochzeit 2010 zog Lotta nach Wittlich. Die Region gefällt ihr, Freunde und Familienangehörige kommen zu Besuch. Im Herbst wird Frank seiner Ehefrau nach Afghanistan folgen und dort für das deutsche Polizeiprojekt GPPT arbeiten. Beide wollen bis Ende 2014 in dem fernen Land bleiben. Lotta sagt: "Friedensarbeit ist mein Anliegen. Die Rolle der Menschen in einer Gesellschaft und wie ihr Einfluss zur Veränderung führen kann."

EXTRA: Afghanistan - das zerrissene Land

Eine Schwedin aus Wittlich will Afghanistan verändern
Foto: Bettina Bettenhausen
Eine Schwedin aus Wittlich will Afghanistan verändern
Foto: Bettina Bettenhausen
Eine Schwedin aus Wittlich will Afghanistan verändern
Foto: Bettina Bettenhausen

Nach der Terror-Attacke vom 11. September 2001 stürzten die Amerikaner in dem von ihnen geführten Krieg in Afghanistan das Taliban-Regime, das aus fundamentalistischen Moslems bestand und Terroristen Unterschlupf gewährt hatte. Zusammen mit der Regierung des jetzigen Präsidenten Hamid Karzai versuchen Organisationen wie Uno und Hilfsorganisationen wie Eupol, der Polizeimission der EU, Afghanistan beim Aufbau einer funktionierenden Zivilverwaltung und einer eigenständigen Polizei zu helfen. Die nächste Präsidentenwahl ist im April nächsten Jahres. Wie es für Afghanistan weitergehen wird, wenn die internationalen Einsatztruppen das Land 2013 verlassen, hängt auch davon ab, wie friedlich die Wahl des Präsidenten ablaufen wird und wie sich das ebenfalls von Fundamentalisten bedrängte Nachbarland Pakistan positioniert. Die Taliban-Bewegung ist zuletzt stärker geworden, und die Bedrohung für die jetzige Regierung wie auch für Hilfsorganisationen aus den westlichen Ländern und deren Mitarbeiter hat sich deutlich erhöht.

<strong>Lesen Sie weiter zum Thema: &bdquo;Öffne auf keinen Fall jemals die Autotür&ldquo; - Im Panzerauto durch die Straßen von Kabul