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Einmalig: In der Region Trier unterstützen Sozialpädagogen Bau-Azubis.

Ausbildung : Mit Hilfe durch die Lehre

Was in Schulen bereits selbstverständlich ist, gibt es nun auch in der Handwerkskammer Trier für Bauberufe: zwei Sozialpädagogen, die dank eines Pilotprojekts die gewachsenen sozialen Probleme und unterschiedlichen Leistungsniveaus bei den Lehrlingen in den Griff bekommen wollen.

Als in der Klasse von Leo Lang und Niklas Day zu Beginn ihrer Maurer-Ausbildung 2019 der Zoff mit einem Lehrer immer mehr zunimmt, kann Michael Meyer vermitteln. „Gerade am Anfang müssen erst mal alle – Lehrer und Azubis – ihr Gebiet abstecken, das ist normal“, sagt Azubi Leo Lang im zweiten Lehrjahr. „Aber es kann sich auch Frust anstauen, wenn man zum Gegenstand der Scherze wird“, ergänzt sein Kollege Day. Und so nehmen die Nickeligkeiten zwischen Azubis und Lehrer zu Beginn der Ausbildung zu – bis Meyer eingreift und vermittelt.

Als Sozialpädagoge weiß er, wie schnell Krisensituationen wie im Maurerlehrgang von Lang und Day bei Jugendlichen kippen können. „Wenn sich bei Konflikten mit Ausbildern, anderen Azubis oder im Betrieb zu viele Krankmeldungen häufen oder es immer Streit gibt, muss man erst mal die Nuss knacken, um dahinterzukommen, warum jemand immer fehlt, aggressiv wird oder am Ende seine Ausbildung abbricht“, sagt er. Und so kann Meyer in der Maurerklasse vermitteln, sucht das Gespräch mit den Beteiligten – und klärt die Lage.

Was in Schulen längst selbstverständlich ist, nämlich eine sozialpädagogische Betreuung der Schüler und Lehrer bei Krisen, Konflikten, Nachhilfe oder Alltagsfragen, steckt bei der Ausbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen noch in den Kinderschuhen.

Doch hier ist die Sozial- und Leistungspreizung zwischen den Lehrlingen mittlerweile besonders groß. „Gerade auf dem Bau kämpfen die Ausbilder seit Jahren mit multiplen Herausforderungen – und können ihre eigentliche Aufgabe, das Lehren, kaum mehr schaffen“, sagt Axel Bettendorf, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier.

Da sind die Azubis mit Flucht- und Migrationshintergrund, deren Deutschkenntnisse unzureichend sind; Azubis mit unterschiedlichster schulischer Vorbildung vom 15-Jährigen mit fehlendem Schulabschluss bis zum Studienabbrecher mit 1. Staatsexamen; Azubis mit Problemen im Elternhaus und Azubis, die eine Begabtenförderung erhalten können, aber die der Bürokratie nicht Herr werden. „Wir wollen das alles nicht bewerten, stellen aber fest, dass der individuelle Beratungsbedarf für jeden einzelnen größer wird“, sagt Bettendorf.

Deshalb bietet die Handwerkskammer Trier für ihre Bau-Azubis wie Betonbauer, Straßenbauer, Maurer, Stuckateure, Fliesen- und Estrichleger sowie Zimmerer seit Sommer 2019 eine sozialpädagogische Begleitung an: das auf vier Jahre angelegte Projekt „Ülu-Pädagogen“, also Pädagogen in der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung (Ülu). Die Ülu ist tarifvertraglich geregelt und wird in der Region von der Kammer für die Baubetriebe während der Lehre über 30 Wochen übernommen. „Handwerk ist ein Qualitätsversprechen. Damit die fachlich stimmt, unterstützen die Sozialpädagogen vor Ort die Ausbilder“, sagt HWK-Präsident Rudi Müller.

Mit diesem bundesweiten Pilotprojekt hat die Kammer in der Nikolaus-Koch-Stiftung einen Förderer gefunden, der die Ülu-Pädagogen über die vier Jahre mit 224 000 Euro unterstützt und finanziert. „Wir sind eine Bildungsstiftung. Wir erhoffen uns von dem Projekt einen Anschub, damit Bund und Land diese Aufgabe als wichtig und richtig anerkennen und es als Blaupause für viele andere solcher Unterstützungsprojekte sehen“, sagt Manfred Bitter, Vorsitzender der Nikolaus-Koch-Stiftung und selbst bis 2016 über sieben Jahre lang Hauptgeschäftsführer der HWK Trier. „Dieses Thema hat mich schon vor Jahren begleitet, aber es gab keine Möglichkeit der Finanzierung. Heute gibt es diese. Wir sind überzeugt davon, dass das Projekt eine gute Sache ist“, freut er sich über das „Modellprojekt für ganz Deutschland“.

Denn bislang landeten die Probleme der Auszubildenden und der Ausbilder bei Ausbildungsmeistern wie Maurermeister Tobias Laux. „Man versucht vieles zu ermöglichen, damit die jungen Leute ihre Ausbildung bestehen, aber wir müssen uns aufs Fachliche konzentrieren können“, sagt er. Und so sieht er in den Sozialpädagogen Michael Meyer und Barbara Thönnessen Ratgeber und Helfer.

„Im Handwerk kommt es nicht darauf an, wo du herkommst, sondern wo du hinwillst“, sagt Projektleiter Sven Kronewirth, der in der Begleitung durch die Ülu-Pädagogen für viele junge Leute eine berufliche Chance und Perspektive sieht. Denn die beiden Experten teilen sich eine Vollzeitstelle und sind mit einem eigenen Büro stets als Ansprechpartner vor Ort im Bauzentrum in Kenn.

Doch in dem Konzept steckt mehr als akute Krisenhilfe. Über die Organisation von Nachhilfe etwa in Mathematik (siehe Hauptprobleme) und die Abfrage der persönlichen Unterstützung ist schnell klar, wo geholfen werden muss. Mit einem ersten Belohnungssystem und Erlebnispädagogik sowie Schnupperpraktika für neue Bewerber soll zusätzlich mehr Motivation im Arbeitsalltag entstehen.

 Barbara  Thönnessen
Barbara Thönnessen Foto: HWK Trier
 Michael 
 Meyer 
  Foto: HWK
Michael Meyer Foto: HWK Foto: HWK Trier

Der Bausektor befindet sich aktuell in einer Boomphase, die die Trierer Kammer nutzen möchte. So konnte etwa im Corona-Jahr 2020 das Ausbildungsdefizit an den Verträgen von minus 15 Prozent noch Anfang August 2020 bis auf minus 5,4 Prozent Ende des Jahres verringert werden – dank eines Plus von 25 Prozent bei den sechs Bauberufen auf nun 158 Auszubildende in der Region Trier. Ein neues Tischlerzelt wurde nötig – hier allein gab es ein Plus von mehr als 30 Prozent –, und auch für dieses Ausbildungsjahr liegt die Zahl der Verträge derzeit bereits über denen des Vorjahres. HWK-Geschäftsführer Ausbildung Carl-Ludwg Centner: „Mehr Lehrlinge bedeuten auch mehr individuelle Arbeit, für die wir nun auch mit den Ülu-Pädagogen mehr Fachkräfte haben.“