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Einsam und verführbar: Der Fall Hartmann wirft ein Schlaglicht auf den Berliner Betrieb

Einsam und verführbar: Der Fall Hartmann wirft ein Schlaglicht auf den Berliner Betrieb

Der Bundestag hat wegen Drogenverdachts die Immunität des SPD-Innenexperten Michael Hartmann aufgehoben (der TV berichtete). Steht dieser Fall vielleicht sogar exemplarisch für viele weitere Bundestagsabgeordnete?

Berlin. Die große Stadt hält viele Trostpflaster bereit - für die Einsamen, für die Verführbaren. Sie gibt es auch in der Politik, sogar noch mehr, als in anderen Berufsgruppen, wie der renommierte Suchtforscher Michael Klein herausgefunden hat. Im Berliner Parlaments- und Regierungsviertel ist die Versuchung besonders groß, Frust und Stress mit Alkohol, Rauschgift oder Amüsement zu betäuben. Ob der SPD-Innenpolitiker Michael Hartmann tatsächlich Drogen für den Eigenverbrauch erworben hat, ist noch völlig unklar. Aber die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen werfen doch auch ein Schlaglicht auf den Berliner Politikbetrieb. Denn Hartmann ist nicht der erste Fall.
In diesen Tagen ist in der Hauptstadt mal wieder der Typus des politischen Tausendsassas gefragt. Der Bundestag geht in die Parlamentsferien. Das bedeutet für die Abgeordneten: Noch mehr Termine, noch mehr Sitzungen und Veranstaltungen, dazu die abendlichen Sommerfeste von Landesvertretungen, Parteien oder Verbänden. Der Job des Politikers ist in solchen Zeiten kein Kindergeburtstag, die meisten stehen dann unter besonders ex tremem Druck. Alkohol baut Stress ab, Drogen sollen leistungsfördernd sein, gefühlt jedenfalls.
"Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock", hat der FDP-Mann Wolfgang Kubicki mal zugespitzt gesagt. Auf vier, fünf Termine sei eine Flasche Wein leicht zu verteilen. Abends gehe es dann richtig zur Sache, so Kubicki.
Wer dann in seiner Berliner Behausung einsam weitertrinkt, wird umso leichter zum Abhängigen. Eine Regel, die der frühere Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) für sich aufstellte, lautete: "Keinen Schluck" in der eigenen Wohnung.
Der Job macht nach Ansicht des Wissenschaftlers Michael Klein suchtanfällig. Wegen der häufigen Abwesenheit von der heimischen Umgebung, wegen des Alleinlebens, der vielen Termine und der psychischen Belastungen. Klein lehrt am Institut für Sucht- und Präventionsforschung in Köln.
Drogen könnten für Politiker durchaus die erwünschten Effekte haben: Wachheit, Ausdauer, Konzentrationsfähigkeit. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Um zu widerstehen, benötigten sie eine Fähigkeit zur eigenen Stressregulation. Die hat nicht jeder. Helfen würden "eine gute Erdung, eine intakte soziale Anbindung", sagte Klein unserer Zeitung. Doch auch das fehlt oft. Insbesondere, wenn man Spitzenkraft ist. Claudia Roth, frühere Grünen-Parteichefin, jetzt Bundestagsvizepräsidentin, berichtete unlängst in einem Interview: "Einsamkeit ist in dem Job schon ein Thema. Man ist eine vollkommen öffentliche Person, geht abends ins Hotelzimmer, und dann wird es plötzlich leer."
Wie dann mit der Einsamkeit umgehen? Es sind meist dieselben Namen, die über Jahre in Verbindung mit einem Suchtproblem genannt werden. Früher musste schon viel passieren, bis sich die Fraktionsführungen einschalteten. Etwa, wenn einer betrunken im Bundestag am Rednerpult stand - legendär sind die Auftritte des FDP-Mannes Detlev Kleinert oder von CSU-Chef Franz-Josef Strauß.
2011 beichtete der Unionspolitiker Andreas Schockenhoff seine Alkoholabhängigkeit nach einer Fahrerflucht, ihm wurde damals volle Unterstützung seitens seiner Kollegen für den Entzug zugesichert. Inzwischen ist Schockenhoff wieder auf der politischen Bühne aktiv. Für Forscher Klein ist das der richtige Weg. Die Fraktionsführungen hätten schließlich auch eine Verantwortung, auf das Wohlergehen ihrer Abgeordneten zu achten.