Eitelkeiten Seit' an Seit'

"Seit' an Seit' für den gemeinsamen Erfolg" - so lautete gestern die neue Parole von CSU-Chef Horst Seehofer. Einen Tag zuvor war er noch wie ein Alpensturm über seinen Parteifreund, Bundeswirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg, hinweggefegt.

Berlin. Vordergründig ging es bei der Abrechnung um Guttenbergs Verhalten in Sachen Staatshilfen für das Versandhaus Quelle. Doch immer deutlicher wird, dass zwischen dem bayerischen Ministerpräsidenten und seinem politischen Ziehsohn auch ein Machtkampf der Eitelkeiten tobt.

Es ist das dritte Mal in kurzer Zeit gewesen, dass Seehofer den neuen Helden der Union gerüffelt hat. Allerdings noch nie so heftig - da hat sich etwas aufgestaut. Als Guttenberg in einem Interview über eine mögliche schwarz-grüne Koalition fabulierte, bekam er prompt aus München zu hören, er solle nicht "Koalitionsspekulationen konstruieren". Als Seehofer dann die CDU dazu drängte, im gemeinsamen Wahlprogramm ein Datum für Steuersenkungen zu nennen, bezeichnete Guttenberg es als "klug", dies nicht zu tun. Dafür gab es eine Watsche im CSU-Präsidium. Und kürzlich wollte sich der Ministerpräsident von den Quelle-Beschäftigten für die angebliche Rettung feiern lassen, als Guttenberg vermeldete, eine endgültige Entscheidung sei doch noch gar nicht gefallen. Seitdem hat Seehofer nur noch darauf gewartet, bis die Hilfe für den Versandhändler unter Dach und Fach ist, um zu explodieren. Am Dienstag war es soweit.

Man muss wissen: Guttenberg verdankt seine politische Karriere dem CSU-Vorsitzenden. Der hatte ihn erst zum Generalsekretär und dann im Februar zum Nachfolger des glücklosen Bundeswirtschaftsministers Michael Glos gemacht. Von Dankbarkeit ist jedoch nichts mehr zu spüren: Zwar hält Seehofer seine Minister in Berlin gerne von München aus an der kurzen Leine, bei Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner gelingt ihm das. Bei Guttenberg nicht mehr. Der hat seinem Parteichef unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er sich zuerst als Mitglied der Bundesregierung fühlt und erst dann als CSU-Politiker. Außerdem beschert das Amt dem Freiherrn in diesen Krisentagen eine Dauerpräsenz - ständig im Fernsehen, ständig in den Zeitungen. Er meldet sich selbst zum Tod von Michael Jackson zu Wort. Noch selbstbewusster ist der Mann geworden. Und seit der 37-Jährige im "Politbarometer" auf Anhieb Platz drei der beliebtesten Politiker belegt hat - vor Seehofer -, gilt der CSU-Vorsitzende als richtig angesäuert.

Wie sehr der Parteichef vom Rummel um den Freiherrn genervt ist, konnte man Anfang der Woche gut beobachten. Auf dem Wahlprogrammkongress der Union wurde Guttenberg von den Teilnehmern so lautstark bejubelt, dass er das Publikum sogar zur Mäßigung auffordern musste. Seehofer entglitten die Gesichtszüge. Wo immer der "schwarze Baron" auch auftritt, Beifall und Zuspruch sind ihm sicher. Anders offenbar beim Ministerpräsidenten: Aus Bayern wird berichtet, dass er zunehmend an Zuspruch verliert. Seehofers Versammlungen sind längst nicht mehr so gut besucht wie noch vor einigen Monaten. Im Wahlkampf ist man jetzt aufeinander angewiesen. Sicher ist allerdings: Nach dem 27. September werden die Karten neu gemischt werden.

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