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"Eltern brauchen mehr als nur ein Taschengeld"

"Eltern brauchen mehr als nur ein Taschengeld"

Betreuungsgeld und Kita-Ausbau gehören zusammen. Damit werde jungen Eltern ermöglicht, selbst zu entscheiden, wie sie ihr Kind betreuen, sagt Kostas Petropulos. Er ist Leiter des renommierten Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit (HBF).

Trier. 150 Euro Betreuungsgeld sind zu wenig, sagt Kostas Petropulos. Der Sozialexperte fordert ein Erziehungsgehalt. Unser Redakteur Bernd Wientjes sprach mit ihm.
Herdprämie, Kita-Fernhaltegeld. Die Gegner des Betreuungsgeldes sind sehr erfinderisch in Umschreibungen der finanziellen Unterstützung. Was ist das Betreuungsgeld denn für Sie?
Petropulos: Zunächst einmal ist es nicht mehr als ein Taschengeld. Ich fordere stattdessen ein dreijähriges Erziehungsgehalt in vergleichbarer Höhe der Grundsicherung, also etwa 660 Euro. Und den Eltern muss genau wie beim Betreuungsgeld die freie Verwendung des Erziehungsgehaltes überlassen werden, entweder als finanziellen Ausgleich für den wegfallenden Job oder für die Bezahlung einer professionellen Betreuung.
Warum Erziehungsgehalt statt Betreuungsgeld?
Petropulos: Eltern stehen immer vor der Grundsatzfrage, wie sie die Betreuung ihrer kleinen Kinder organisieren. Wenn sie es selbst machen wollen, müssen sie normalerweise ihren Job vor-übergehend aufgeben, verzichten so auf Einkommen und stehen finanziell schlechter da. Das ist ja auch der Grund, warum das Elterngeld eingeführt worden ist. Die Alternative ist, dass die Paare ihre Kinder betreuen lassen. Der Staat schießt pro Krippen-Platz bis zu 1000 Euro zu. Das bedeutet, dass Eltern, die eine organisierte Betreuung in Anspruch nehmen, eine staatliche Subvention erhalten. Eltern, die die Betreuung selbst leisten, stehen ohne staatliche Unterstützung da.
Aber warum soll der Staat die Eltern unterstützen, die ihre Kinder zu Hause betreuen?
Petropulos: Eltern müssen endlich eine tatsächliche Wahlfreiheit bei der Kinderbetreuung haben, so wie es das Bundesverfassungsgericht verlangt. Sie müssen frei darüber entscheiden können, wie sie ihre Kinder betreuen - ohne dafür bestraft zu werden, weder wirtschaftlich noch beruflich noch gesellschaftlich. Die Politik muss vor allem den unerträglichen Missstand beseitigen, dass Eltern, die sich dafür entscheiden, die gesetzlich garantierte dreijährige Elternzeit voll auszuschöpfen, dafür dann am Arbeitsmarkt diskriminiert werden.
Das heißt also: Betreuungsgeld plus Ausbau der Kita-Plätze?
Petropulos: Ja. Wahlfreiheit heißt ja, dass die betroffenen Eltern ausreichend Kita-Plätze in der notwendigen Qualität vorfinden müssen. Denkbar ist auch, dass alle Eltern die staatliche Subvention eines Krippenplatzes von 800 bis 1000 Euro direkt ausbezahlt bekommen und dann dar-über entscheiden können, welche Betreuungsform sie wählen.
Klingt gut. Und wer soll das bezahlen?
Petropulos: Natürlich kostet echte Wahlfreiheit mehr Geld. Aber wenn man betrachtet, wie viel Geld Deutschlands Bürger etwa in Lebensversicherungen, Riesterrente oder Aktienfonds stecken, ist das doch ein klares Zeichen dafür, dass es nicht an den Finanzen scheitert. Es gibt aber keinen politischen Konsens darüber, dieses Geld als Investition in unseren Nachwuchs zu stecken.
Dafür wird es, wie Sie sagen, keinen Konsens geben. Macht es Sie in dieser Hinsicht nicht wütend, wie unsachlich und beleidigend die Debatte über Betreuungsgeld und Kita-Ausbau zum Teil geführt wird?
Petropulos: Diese Vehemenz und Rücksichtslosigkeit macht mich ratlos. Dabei werden Begriffe wie Herdprämie ja vor allem von Frauen selbst gebraucht. Und genau die beklagen immer, dass die Erziehungsarbeit und die Leistung von Frauen und Müttern in der Gesellschaft nicht anerkannt werden. Mit diesen diffamierenden Begriffen machen sie aber genau das.
Umgekehrt ist es aber auch nicht besser. Auch die Befürworter des Betreuungsgeldes stellen ja nicht selten Mütter, die ihre Kinder in die Betreuung geben, als Rabenmütter dar.
Petropulos: Das ist richtig. Die Debatte wird auf beiden Seiten mit Kreuzzugscharakter und ideologischem Dogmatismus geführt. Es gibt in Deutschland die Neigung, ein Lebensmodell als Maßstab für andere zu betrachten.
Es gibt allerdings auch handfeste Interessen hinter der Kritik am Betreuungsgeld. Die Wirtschaft hat das größte Interesse daran, dass nur ein Familienmodell, nämlich das der doppelten Vollzeit-Erwerbstätigkeit, politisch forciert wird.
Was muss sich an der Familienpolitik in Deutschland generell ändern, damit sie aus Ihrer Sicht den Namen Familienpolitik auch verdient?
Petropulos: Eltern dürfen nicht länger dafür bestraft werden, wenn sie sich um ihre Kinder kümmern. Im Gegenteil. Sie müssen belohnt werden. Die Erziehung der Kinder muss wirtschaftlich und sozial belohnt werden. Auch bei der Rente. Die Rentenzahlung muss an die Beiträge und die Zahl der Kinder gekoppelt werden. Eine volle Rente dürfte es nur noch geben, wenn man Beiträge eingezahlt und zwei Kinder groß gezogen hat. Es muss überall klar werden: Eine Gesellschaft ohne eigene Kinder hat keine Zukunft.