Ende des schwarzen Gerangels

BERLIN. Angela Merkel stapelt in diesen Tagen gerne tief. Die Wahl im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen am kommenden Sonntag sei wichtig. "Aber sie ist eine Landtagswahl, nicht mehr und nicht weniger", beteuert die CDU-Vorsitzende. Die Wahrheit ist eine andere.

Der Urnengang am Sonntag in Nordrhein-Westfalen und der mögliche schwarz-gelbe Sieg im roten Kernland bedeutet zwar noch längst nicht den Durchmarsch für die Union bis zur Bundestagswahl 2006. Dazu bieten CDU und CSU noch viel zu viele offene, programmatische Flanken. Ein Wahlsieg würde aber im Bund die Richtung vorgeben - und faktisch die berühmte "K-Frage" beantworten. Selbst der fintenreiche bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber muss einräumen, dass ein Machtwechsel an Rhein und Ruhr nach 39 Jahren "ohne Zweifel der gesamten Union und Frau Merkel zusätzliche Schubkraft gibt". Wenn Stoiber so etwas sagt, klingeln im Konrad-Adenauer-Haus der CDU gewöhnlich die Alarmglocken, dann wird schleunigst analysiert, welches taktische Spielchen der Bajuware betreibt. Diesmal können sich die Merkel-Strategen stressfrei zurücklehnen: Mit dem Sieg der CDU in Schleswig-Holstein, heißt es aus hochrangigen Unionskreisen, habe Stoiber endlich begriffen, was bei den C-Parteien schon längst als ausgemacht gilt: Eine erneute Kandidatur des Bayern wird es nicht geben. Dem Vernehmen nach peilt Stoiber deshalb nun in einem möglichen Kabinett Merkel den Posten des Superministers für Wirtschaft und Finanzen an. Rot-Grün schürt Angst vor "schwarzer Republik"

Gewinnt die Union in NRW, bekäme die Beantwortung der "K-Frage" durch den "Motivationsschub eine besondere Eigendynamik", wie aus der Parteiführung der CDU verlautet. Obwohl es objektiv keinen triftigen Grund gibt, Angela Merkel jetzt schon als Gegenspielerin von Kanzler Gerhard Schröder ins Rennen zu schicken, dürfte der historische Erfolg die diversen Zeitpläne zur Kandidatenkür - nicht vor September, eher zum Jahresende - über den Haufen werfen. "Es kann dann schnell gehen", heißt es aus der Union. In der CDU-Zentrale weiß man zudem, dass viele Parteimitglieder kein erneutes, langwieriges, vor allem aber quälendes Gerangel um die Kanzlerkandidatur wie 2002 erleben wollen. Schon droht Rot-Grün mit einer härteren Gangart gegenüber der Opposition. Grünen-Chef Reinhard Bütikofer will die Angst vor der "schwarzen Republik" schüren. Fällt das Genossenland NRW, gäbe es SPD-geführte Landesregierungen nur noch in Berlin, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. In der Union gibt man sich gelassen: "Die Angst vor der rot-grünen Regierung ist größer als die vor der schwarzen Republik", frotzelt ein Spitzenmann. "Das Feindbild" tauge bis 2006 nicht, da mit dem Schlagwort "weder ein gesellschaftspolitischer Rückschritt noch eine unsoziale Politik verbunden ist". Aber was passiert, wenn die Wahl im eigentlich urroten Stammland für die Union in letzter Minute doch noch verloren geht? Ernsthaft macht sich darüber bei CDU und CSU keiner Sorgen. "Dann verlieren wir knapp", heißt es lapidar, und genau deshalb wäre die Ausgangssituation für Angela Merkel nicht viel schlechter: Die einen würden NRW-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers die Schuld geben, die anderen die Kapitalismusdebatte als Ursache heranziehen, lautet die Vorgabe. Selbst "Heckenschützen" wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch, Ex-Fraktionsvize Friedrich Merz oder Merkels Konkurrent Christian Wulff könnten nach Ansicht der Strategen im Konrad-Adenauer-Haus nicht mehr an Merkels Thron rütteln. Dazu sei die Partei inzwischen zu geschlossen, zu motiviert. "Sie würde jeden dafür mit Liebesentzug bestrafen."