Engagement der Bürger entlastet Staat

Engagement der Bürger entlastet Staat

TRIER. (ik) Von der Aidshilfe über den Elternkreis behinderter Kinder bis zum Gesprächskreis für seelische Probleme: Immer mehr Menschen suchen in Selbsthilfegruppen Unterstützung. Von dieser Entwicklung profitieren alle Bundesbürger: Experten schätzen den volkswirtschaftlichen Nutzen der Selbsthilfe auf mindestens zwei Milliarden Euro im Jahr.

Sie informieren Menschen mit gesundheitlichen, psychischen oder sozialen Problemen über die neuesten Therapien, bieten ihnen ein Forum zum Erfahrungsaustausch und vertreten die Interessen ihrer Mitglieder nach außen: Selbsthilfegruppen sind aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Rund 100 000 von ihnen haben sich zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen zusammengefunden, mehr als 3000 sind es in Rheinland-Pfalz. "In der Region wissen wir von rund 450 Gruppen", sagt Carsten Müller-Meine von der Selbsthilfe-Kontakt- und Informationsstelle (Sekis) in Trier.
Das Themenspektrum ist riesig. Im Kreis Trier-Saarburg treffen sich beispielsweise Eltern tot geborener Kinder, in Traben-Trarbach Frauen, die an Krebs litten, in Bitburg Multiple-Sklerose-Patienten. Es gibt Selbsthilfegruppen getrennter Väter oder Angehöriger psychisch Kranker, von Eltern mit essgestörten Kindern, von Kehlkopflosen, Rheumatikern, Diabetikern, Parkinson-Patienten oder Alkoholikern. Und ständig kommen neue Gruppen hinzu. So gründen zur Zeit etwa in Trier Menschen mit bipolaren Störungen einen Gesprächskreis, also Patienten, die unter extremen Gefühlsschwankungen leiden. "Die Selbsthilfegruppen sind zu einer sozialen Bewegung geworden", sagt Sekis-Chef Müller-Meine.
Zum Boom der Selbsthilfegruppen haben auch die Finanz- Probleme im Gesundheitssystem beigetragen. Politiker und Krankenkassen hätten das enorme Einsparpotenzial durch Selbsthilfegruppen erkannt und sie entsprechend gefördert, sagt der Gießener Selbsthilfe-Experte Jürgen Matzat. Zwar verstehen sich Selbsthilfegruppen als Begleitung, nicht als Ersatz ärztlicher Maßnahmen. Doch Suchtkranken zum Beispiel ersparen Selbsthilfegruppen häufig eine Therapie, und dank der Erfahrungen anderer Betroffener findet so manche Odyssee von Arzt zu Arzt ein schnelles Ende. Mindestens zwei Milliarden Euro spart die Selbsthilfe der Volkswirtschaft pro Jahr, haben Fachleute errechnet. Kein Wunder, dass die Gruppen gelobt werden. "Rundum positiv" bewertet sie der rheinland-pfälzische AOK-Chef Walter Bockemühl. Und Beatrix Risch, Chefärztin der Psychiatrie im Trierer Mutterhaus, sagt: "Selbsthilfegruppen werden an Bedeutung weiter zunehmen."