Entenleber, Eintopf und Etikette

Entenleber, Eintopf und Etikette

BERLIN. Rund 1200 Menschen aus allen Teilen Deutschlands haben am Samstagabend an der "Tafel der Demokratie" zur Amtseinführung von Bundespräsident Horst Köhler vor dem Brandenburger Tor teilgenommen.

Endstation "Unter den Linden": Etwa 150 Menschen warten gegen 18.15 an der Absperrung kurz vor dem Pariser Platz auf Einlass. Sie alle haben sich in Schale geworfen und wollen vor allem einen Mann sehen: den frisch gebackenen Bundespräsidenten Horst Köhler. Doch bevor die "Tafel der Demokratie", an der Bürger aus ganz Deutschland teilnehmen, beginnen kann, sind die Organisatoren vom Verein "Werkstatt Deutschland" damit beschäftigt, nach starken Regenfällen am Mittag erst einmal wieder alles zu ordnen."Wir sind nur det Volk"

Wenig Trost für die Wartenden. Während sich die einen entschließen, später noch einmal wieder zu kommen, nehmen andere die unfreiwillige Wartezeit gelassener. "Wir sind ja nur det Volk", merkt ein Berliner an, während ein verdutzter Radfahrer die Wartenden anspricht: "Was ist denn hier los?" Auch der Mann, der für die Obdachlosenhilfe sammelt, nutzt den Auflauf vor der Absperrung und scherzt: "Sie kommen da nicht rein, bevor sie was für die Obdachlosen gespendet haben." Die Ansammlung an Polizei ist so groß wie der Bundespräsident wichtig ist, doch in Berlin ist man sowas gewöhnt, nimmt es eher gelassen. Und dann gegen 18.45 Uhr dürfen auch die ausgewählten Staatsbürger mit ihren grauen Eintrittskarten rein. Einer nach dem anderen, schön geordnet. Der Reihe nach, fast wie bei der örtlichen Sparkasse, geht es an der zweiten Schleuse zu. Fein säuberlich nach Buchstaben geordnet sortieren sich die Ehrengäste des Abends in die Schlangen vor den Anmeldezelten ein. Von A bis B, C bis D bis zum Ende des Alphabets. "Was ein Glück, dass wir den gleichen Nachnamen haben", meint ein Mann zu seiner Frau, während ein anderer junger Mann sich bereits ohne seine Freundin bei "G bis H" einordnen muss. An der Anmeldung wird nach Vorzeigen von Einladung und Personalausweis ein Häkchen gemacht. Außerdem gibt's ein Armbändchen für die Gäste. Der Empfang mit Sekt und Häppchen auf dem mit langen, überdachten Tischreihen gefüllten Pariser Platz ist ebenso freundlich wie die Hilfskräfte ratlos sind: Der Regen vom Nachmittag hat die Sitzordnung über den Haufen geworfen. Ein Sekt und zwei Hackbällchen später trudelt auch der Ehrengast des Abends, Bundespräsident Horst Köhler, ein. Standesgemäß durch das Brandenburger Tor über den ausgerollten blauen Teppich. Köhler schüttelt Hände, Kameras klicken, und ein Kinderchor singt. Der Präsident wirkt entzückt und gibt sich volkstümlich, während die Gäste sich langsam ihre Plätze in den langen Tischreihen sichern. Die längste Tafel Berlins - außer Konkurrenz und nicht bei "Wetten dass...?" - kann beginnen. Der Abend verläuft bodenständig. Auf der Speisekarte stehen Entenleberparfait, der schwäbische Eintopf "Gaisburger Marsch" und Schwarzwälder Kirschschnitte, dazu Wein vornehmlich aus dem Württembergischen. Im Rahmenprogramm gibt's Musik vom Krakauer Kammerorchester bis hin zu Yvonne Catterfeld, stellt Moderatorin Sandra Maischberger dem Bundespräsidenten ein paar Fragen und lockert Moderator Wolfram Kons die Atmosphäre mit Plaudereien auf. Viele Grußadressen preisen den neuen Präsidenten und seine ersten Rede vor wenigen Tagen. Dabei kommen auch immer wieder Bürger zu Wort, dürfen ihre Meinung zu Präsident, Demokratie und dem, was Deutschland braucht, kundtun. Und entgegen aller Unkenrufe sind die Bürger gar nicht so Veränderungsmüde, denn vieles hätte wohl Horst Köhler auch so gesagt. Trotz kleinerer Pannen wird der Abend für die Veranstalter vom Verein "Werkstatt Deutschland" ein voller Erfolg. Die Teilnehmer sind sich einig, dass Veranstaltungen wie die "Tafel der Demokratie" zwar kein Allheilmittel aber ein guter Anfang gegen Politikverdrossenheit sind. "Entvirtualisierung der Politik und Gesellschaft", nennt es der erste Vorsitzende des Vereins in seiner Dankadresse, und virtuell war an diesem Abend für die Teilnehmer wirklich nichts.

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